Altersvorsorgedepot 2027: Erster ETF ist bereits am Markt
Deutschland reformiert die private Altersvorsorge grundlegend – ohne Garantiezwang, dafür mit echten Renditechancen durch Aktien und ETFs.

Der 8. Mai 2026 könnte für deutsche Sparer ein historisches Datum werden. An diesem Tag stimmte der Bundesrat über das sogenannte Altersvorsorgedepot ab – ein Reformprojekt, das die staatlich geförderte private Altersvorsorge in Deutschland von Grund auf neu aufstellt. Der Name klingt nüchtern, die Tragweite ist es nicht.
Denn erstmals öffnet Deutschland seine staatliche Altersvorsorgeförderung vollständig für Aktieninvestments – ohne Beitragsgarantie, ohne Sicherheitsnetz, aber mit echten Renditechancen. Das ist ein klarer Bruch mit der Vergangenheit.
Das Ende der Riester-Ära
Wer die Geschichte der Riester-Rente kennt, versteht die Bedeutung dieses Schritts. Das zentrale Problem der Riester-Produkte war die Beitragsgarantie: Zum Rentenbeginn mussten mindestens alle eingezahlten Beiträge plus staatliche Zulagen garantiert vorhanden sein. In der Niedrigzinsphase nach der Finanzkrise wurde das zum strukturellen Problem. Fondsgesellschaften mussten immer größere Kapitalanteile in renditelose Staatsanleihen umschichten, um die Garantie zu erfüllen.
Der Aktienmarkt boomte – Millionen Riester-Sparer schauten zu. Ihre Verträge wuchsen kaum, die staatlichen Zulagen glichen oft nicht einmal die Inflation aus. Die Folge: Ernüchterung, Kündigungen und Milliarden an verschwendeten Fördergeldern für ein System, das seine Kernaufgabe verfehlte.
Im März 2026 verabschiedete der Bundestag das Reformgesetz. Wer künftig staatliche Förderung für die private Altersvorsorge nutzen möchte, kann das mit ETFs und Aktienfonds tun – ganz ohne Beitragsgarantie. Auch Selbstständige und Beamte sollen profitieren. Zusätzlich ist ein staatlich verwaltetes Standardprodukt geplant, bei dem die Bundesbank als Verwalter im Gespräch ist. Technische Details und Standards stehen allerdings noch aus. Das Gesetz soll zum 1. Januar 2027 in Kraft treten.
Acatis prescht vor – mit dem ersten ETF
Während die Branche abwartet, hat Hendrik Leber, Gründer und Chef der Frankfurter Vermögensverwaltung Acatis, bereits gehandelt. Leber ist für frühe Wetten bekannt: Er investierte in Bitcoin, bevor das salonfähig war, und in Biontech, bevor Corona die Welt veränderte. Nun hat er noch vor der finalen Bundesratsentscheidung den ersten ETF aufgelegt, der explizit für das neue Altersvorsorgedepot positioniert ist.
Der ACATIS Altersvorsorgedepot UCITS ETF (ISIN: DE000A428XC1) ist über Xetra handelbar – täglich und fortlaufend. Die BaFin hat sowohl das Produkt als auch den Namen genehmigt. Acatis schießt selbst zehn Millionen Euro ein, um von Beginn an einen liquiden Handel zu gewährleisten. Das Ziel für 2026: zwischen 50 und 100 Millionen Euro Zuflüsse, vor allem über Neobroker. Es ist der erste ETF, den Acatis je aufgelegt hat.
Wie funktioniert der ETF?
Formal handelt es sich um einen börsengehandelten Fonds, faktisch um einen aktiv gemanagten Aktienfonds. „Mensch und Maschine sollen bei der Aktienauswahl zusammenarbeiten", sagt Leber. Das Anlageuniversum umfasst rund 300 bis 350 vorselektierte Aktien, aus denen ein Algorithmus die 50 attraktivsten auswählt.
Aktuell zählen zu den größten Positionen:
- Apple (5 % Gewichtung)
- Verizon Communications
- Microsoft
- McDonald's
- Vopak (Niederlande)
- Deutsche Telekom
- Ahold
- Cisco
- Keyence (Japan)
- APA Group (Australien)
Das Portfolio wird quartalsweise angepasst. Das Kölner Fintech NaroIQ fungiert dabei als offizieller Portfoliomanager und setzt die Umschichtungen technisch um.
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Zur AktienanalyseKosten und Risiken im Blick
Die Gesamtkostenquote des ETF liegt bei rund 0,70 Prozent pro Jahr. Für einen aktiv gemanagten Fonds ist das günstig – klassische passive Welt-ETFs sind jedoch bereits für 0,10 bis 0,20 Prozent erhältlich. Lebers Flaggschiff-Fonds, der Acatis Datini Valueflex, zählt laut WirtschaftsWoche-Vermögensverwalterranking zu den besten vermögensverwaltenden Fonds über zehn Jahre und liegt 2026 mit einem Plus von 9,3 Prozent gut im Rennen. Das ist keine Garantie für den neuen ETF – aber auch keine schlechte Ausgangslage.
Risiken bleiben dennoch. Ob 50 konzentrierte Aktien, ausgewählt von Mensch und Algorithmus, den breiten Markt langfristig schlagen, ist offen. Zudem fehlt noch eine vollständige regulatorische Zertifizierung als Standardprodukt im Rahmen des Altersvorsorgedepots. Nachträgliche Produktanpassungen sind nicht ausgeschlossen. Staatliche Förderung gibt es frühestens ab 2027.
Große Anbieter wie Union Investment und die DekaBank warten derweil ab. Stephan Kropp, Leiter Vorsorge und Vermögensaufbau bei der DekaBank, bestätigte, dass man zum geplanten Inkrafttreten am 1. Januar 2027 sowohl ein Standard- als auch ein Komfort-Angebot für das Altersvorsorgedepot in der Pipeline habe. Details zu Namen und Konditionen sollen in den kommenden Monaten folgen.


