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Anthropic-Beschränkungen zwingen Indien zum KI-Strategiewechsel

US-Exportkontrollen gefährden Indiens KI-Ambitionen – Experten warnen: Regierungsbemühungen sind „zu langsam und viel zu klein".

Anthropic-Beschränkungen zwingen Indien zum KI-Strategiewechsel

Als Anthropic vergangene Woche ausländischen Staatsangehörigen den Zugang zu seinen neuen Modellen Fable 5 und Mythos 5 sperrte, um US-Exportkontrollvorschriften zu erfüllen, traf das Indien hart. Die Maßnahme legte schlagartig die Fragilität von Indiens KI-Strategie offen: Das Land hatte darauf gesetzt, durch die Entwicklung von Anwendungen auf Basis ausländischer Basismodelle zum globalen KI-Innovationszentrum zu werden – ein Plan, der durch eine einzige Richtlinie einer ausländischen Regierung ins Wanken geraten kann.

Unternehmer wie Dandotia, der KI-Anwendungen für Unternehmen entwickelt, spürten die Auswirkungen unmittelbar. Er konnte eine Geschäftsunterbrechung nur abwenden, weil er bereits über mehrere Modelle hinweg diversifiziert hatte. Doch er betont: „Diversifizierung verschafft Zeit, aber keine Unabhängigkeit." Sein Fazit ist klar – Indien brauche eine souveräne KI, damit heimische Start-ups nicht durch ausländische Regulierungsentscheidungen ihren Wettbewerbsvorteil verlieren.

Die Abhängigkeit Indiens von ausländischer KI-Technologie ist dabei besonders brisant, weil das Land zu den weltweit eifrigsten KI-Nutzern zählt. Laut einem aktuellen Bericht von ADP Research nutzen 41 Prozent der indischen Arbeitnehmer KI fast täglich – deutlich mehr als die 26 Prozent in China und 19 Prozent in den USA. Ohne einen eigenen souveränen KI-Stack spiegelt diese hohe Akzeptanzrate jedoch vor allem das Ausmaß der technologischen Abhängigkeit wider.

Indiens strukturelle Schwächen im KI-Wettbewerb

Indien produziert derzeit keine hochmodernen Chips im Inland und verfügt über kein Basismodell von globalem Format, das mit führenden US-amerikanischen oder chinesischen Modellen vergleichbar wäre. Auch die Kapazitäten der Rechenzentren liegen noch erheblich hinter denen der USA und Chinas zurück. Die Regierung unternimmt zwar Anstrengungen auf allen drei Feldern – durch eine indische Halbleitermission, eine KI-Mission und Steuervergünstigungen für globale Hyperscaler, die Rechenzentren im Land errichten – doch Experten halten diese für unzureichend.

Auch der Privatsektor reagiert. Das indische Unternehmen Sarvam AI, das souveräne KI-Modelle entwickelt, sammelte zuletzt 300 Millionen US-Dollar bei einer Bewertung von 1,5 Milliarden US-Dollar ein. Zu den Investoren gehört HCL Technologies, Indiens drittgrößtes Software-Dienstleistungsunternehmen nach Marktkapitalisierung. Dennoch relativiert ein Blick auf die Zahlen die Bedeutung dieser Investition: Die Beteiligung von HCL Tech in Höhe von umgerechnet rund 151 Millionen US-Dollar entspricht weniger als 10 Prozent der Dividende, die das Unternehmen im Geschäftsjahr bis März 2026 an seine Aktionäre ausschüttete.

Das Flaggschiffmodell von Sarvam verfügt über etwas mehr als 100 Milliarden Parameter. Für ein wettbewerbsfähiges Basismodell, das nicht halluziniert, seien jedoch einige Billionen Parameter notwendig – was enorme Mengen an Kapital und Rechenleistung erfordere, so Experten.

Mangel an Deep-Tech-Kapital als zentrales Problem

Im vergangenen Jahr sammelten indische Start-ups insgesamt 10,5 Milliarden US-Dollar an Finanzmitteln ein – der dritthöchste Wert weltweit nach den USA und Großbritannien. Der Großteil dieser Mittel floss jedoch in Unternehmensanwendungen, Einzelhandel und Fintech, nicht in Deep-Tech-Unternehmen. Manish Agarwal, Mitbegründer von Humyn Labs, einem Unternehmen für physische KI-Daten, bringt das Kernproblem auf den Punkt: Indien verfüge zwar über einen starken Binnenmarkt und einen großen Pool an Deep-Tech-Talenten, es fehle aber an dem Kapital, das souveränen KI-Unternehmen in den USA und China zur Verfügung stehe.

Private Investoren seien bei Deep-Tech-Wetten konservativer, bestätigen Experten gegenüber CNBC. Dies führt zu wachsendem Druck auf die Regierung. Der prominente Risikokapitalgeber und Angel-Investor Mohandas Pai hat Premierminister Narendra Modi öffentlich aufgefordert, eine umfassende KI-Mission ins Leben zu rufen. Bestehende Regierungsprogramme bezeichnete er als „zu langsam und viel zu klein, um eine große Wirkung zu erzielen".

Ein weiteres strukturelles Risiko betrifft die Hardware-Abhängigkeit: Indiens souveräne KI-Modelle basieren derzeit auf der Chip-Architektur von Nvidia. Sollten die USA den Zugang zu Blackwell-Chips einschränken – wie bereits gegenüber China geschehen – wäre Indien laut Neil Shah, Vice President of Research bei Counterpoint Research, „hilflos". Diese Einschätzung teilen auch andere einflussreiche Stimmen der indischen Tech-Branche, darunter Sridhar Vembu, Mitbegründer des Tech-Konzerns Zoho.

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