Anthropic plant Börsengang – Bewertung nähert sich einer Billion Dollar
Der Claude-Entwickler Anthropic hat IPO-Unterlagen eingereicht und könnte noch 2026 an die Börse gehen.

Das KI-Unternehmen Anthropic hat offiziell die Weichen für einen Börsengang in den USA gestellt. Das Unternehmen hinter dem Chatbot Claude teilte mit, dass es die entsprechenden Unterlagen bei den US-Behörden eingereicht hat, um noch in diesem Jahr einen IPO durchzuführen. Preis und Anzahl der angebotenen Aktien seien „noch nicht festgelegt worden".
Die Ankündigung kommt zu einem bemerkenswerten Zeitpunkt: Anthropic wurde zuletzt von privaten Investoren mit mehr als 965 Milliarden US-Dollar bewertet – und liegt damit sogar vor dem Rivalen OpenAI, der zuletzt mit 852 Milliarden US-Dollar bewertet wurde. Die Bewertung nähert sich damit der symbolisch bedeutsamen Marke von einer Billion US-Dollar.
Anthropic wurde vor fünf Jahren von Dario Amodei gegründet, nachdem er OpenAI verlassen hatte. Grund für seinen Abgang waren Unstimmigkeiten mit OpenAI-Chef Sam Altman. Seither sind beide Unternehmen zu erbitterten Rivalen in der KI-Branche geworden – sie entwickeln ähnliche Technologien und kämpfen um Nutzer und Unternehmenskunden.
Historische IPO-Welle im KI-Sektor
Die Börsenpläne von Anthropic fallen zeitlich mit denen von Elon Musks SpaceX zusammen. Analysten sehen darin ein außergewöhnliches Marktgeschehen: Harrison Rolfes, Research-Analyst bei Pitchbook, bezeichnete den Anthropic-IPO als „den am genauesten geprüften Börsengang in der Geschichte des Technologiesektors". Die beiden Unternehmen würden gemeinsam „die größte Konzentration an Pre-IPO-Kapital darstellen, die jemals gleichzeitig auf den Markt gebracht wurde".
Auch OpenAI erwägt offenbar einen Börsengang in diesem Jahr. Sam Altman sagte gegenüber CNBC, sein Unternehmen beabsichtige einen IPO, habe es aber nicht eilig: „Wir werden es tun, wenn es sinnvoll ist." Sollten sowohl Anthropic als auch OpenAI und SpaceX an die Börse gehen, stünden die US-Kapitalmärkte vor einem historischen Investitionsvolumen in nur eine Handvoll Unternehmen.
Matt Britzman, Senior Equity Analyst bei Hargreaves Lansdown, sieht in der Ankündigung ein „klares Zeichen dafür, dass das KI-Wettrüsten in eine kapitalintensivere Phase eintritt". Parallel dazu hat die Google-Muttergesellschaft Alphabet Pläne zur Beschaffung von 80 Milliarden US-Dollar für KI-Investitionen bekannt gegeben – ein weiteres Indiz für den enormen Kapitalbedarf der Branche.
Prospekt als Lackmustest für die KI-Branche
Vor dem eigentlichen Börsengang muss Anthropic einen IPO-Prospekt veröffentlichen, der Finanzdetails, Management und Unternehmensrisiken offenlegt. Tineke Frikkee, Senior Fund Manager bei W1M, erklärte gegenüber der BBC, sie wolle vor allem wissen, welchen Gewinn Anthropic erwirtschaftet: „Es wird zweifellos ein Dokument von mehreren hundert Seiten sein, aber genau darauf werden wir achten."
Sana Kharegani, Chief Strategy Officer des KI-Unternehmens Era 4, sieht in Anthropics Entscheidung, vor einem möglichen OpenAI-IPO an den Markt zu gehen, „ein gewisses Risiko". Der Börsengang werde ein Präzedenzfall – ein Maßstab für Kennzahlen wie Unternehmenskundenumsätze oder Abonnentenzahlen. „Aber wenn die Dinge nicht genau wie geplant laufen, lässt man die Tür für andere offen, die nachfolgen", sagte sie.
Troy Hooper, Leiter der Abteilung Equity Capital Markets bei Mergermarket, sieht das hingegen anders: „Der Pionier hat die echte Chance zu definieren, wie die öffentlichen Märkte generative KI bewerten, und setzt damit den Maßstab, an dem Investoren alle anderen messen werden." Weder Anthropic noch OpenAI wollten das letzte große reine KI-Unternehmen sein, das an die Börse geht.
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Zur AktienanalyseKonflikt mit US-Regierung als Risikofaktor
Neben der Marktdynamik steht Anthropic auch politisch unter Druck. Das Unternehmen geriet in diesem Jahr in einen Konflikt mit dem US-Verteidigungsministerium (DoD). Nachdem das DoD auf Vertragsbedingungen bestanden hatte, die Regierungsbehörden die Nutzung von Claude für „jeden rechtmäßigen Zweck" erlauben würden, machte CEO Amodei seine Bedenken öffentlich – er sah darin die Möglichkeit, dass KI für massenhafte Inlandsüberwachung oder in vollautonomen Kriegswaffen eingesetzt werden könnte.
Präsident Donald Trump reagierte scharf und erklärte, die USA würden „nie wieder Geschäfte mit [Anthropic] machen". Verteidigungsminister Pete Hegseth untersagte daraufhin jeder US-Behörde die Nutzung von Claude. Anthropic leitete rechtliche Schritte gegen die Regierung ein. Dieser Konflikt dürfte im IPO-Prospekt als wesentlicher Risikofaktor auftauchen und Investoren genau beschäftigen.
Rolfes von Pitchbook fasste das Stimmungsbild treffend zusammen: „Das Zeitfenster 2026 wird entweder zum folgenreichsten IPO-Zyklus seit der Dotcom-Ära oder zur teuersten Lektion über das Verhältnis von Narrativ zu Fundamentaldaten, die die öffentlichen Märkte je erteilt haben."


