Australien hebt Mindestlohn um 4,75 Prozent an – Inflationssorgen wachsen
Australiens Fair Work Commission erhöht den Mindestlohn ab Juli – trotz steigender Inflation und wachsender Zinserhöhungserwartungen.

Australiens unabhängige Lohnkommission hat am Dienstag eine Mindestlohnerhöhung von 4,75 Prozent für rund 2,8 Millionen Geringverdiener beschlossen. Ab dem 1. Juli steigt der Mindestlohn auf 1.004,90 Australische Dollar pro Woche, was einem Stundenlohn von 26,44 Australischen Dollar entspricht. Das entspricht umgerechnet etwa 719 US-Dollar pro Woche.
Die Entscheidung der Fair Work Commission fällt höher aus als die Erhöhungen der Vorjahre – 2024 waren es 3,75 Prozent, im Jahr davor 3,5 Prozent. Dennoch blieb die Kommission hinter den Forderungen der Gewerkschaften zurück, die eine Anhebung zwischen 5 und 6 Prozent verlangt hatten.
Inflation als zentrales Problem
Die Entscheidung fällt in ein wirtschaftlich angespanntes Umfeld. Die Verbraucherpreisinflation lag im ersten Quartal bei 4,1 Prozent und soll im Juni-Quartal voraussichtlich einen Höchststand von 4,8 Prozent erreichen – weit über dem Zielkorridor der Reserve Bank of Australia (RBA) von 2 bis 3 Prozent. Als Mitursache nannte die Kommission ausdrücklich den US-israelischen Krieg gegen den Iran, der die Ölversorgung unterbricht und die Inflation zusätzlich befeuert.
Die Kommission erklärte, sie sei „bedauerlicherweise" zu dem Schluss gekommen, dass es unter den derzeitigen unsicheren Umständen „weder praktikabel noch verantwortungsvoll wäre, den Arbeitnehmern eine Reallohnerhöhung zu gewähren". Gleichzeitig betonte sie, dass die Arbeitnehmer real zumindest nicht schlechter gestellt sein sollten als am 1. Juli 2025.
Analysten erwarten weitere Zinserhöhung der RBA
Die Entscheidung hat unmittelbare Auswirkungen auf die Geldpolitik. Analysten der Citi erklärten, die Lohnerhöhung bestärke ihre Einschätzung, dass die RBA die Zinssätze im August zum vierten Mal in diesem Jahr auf 4,6 Prozent anheben werde. „Wir haben Aufwärtsrisiken für die Inflation in der zweiten Jahreshälfte festgestellt, die in den kommenden Monaten fortbestehen werden", so Citi. „Die Erhöhung der Mindestlöhne verstärkt lediglich die steigenden Kosten für Unternehmen infolge des Nahostkonflikts."
Auch Westpac meldete sich zu Wort: Die Erhöhung sei stärker ausgefallen als der erwartete Anstieg von 4,25 Prozent und impliziere ein gewisses Aufwärtsrisiko für das Lohnwachstum. Zudem bestehe das Risiko, dass die Inflationserwartungen länger erhöht bleiben – was die Aufgabe der RBA zusätzlich erschwere.
Die RBA hat die Zinssätze in diesem Jahr bereits dreimal auf 4,35 Prozent angehoben und damit die Lockerungen des Vorjahres rückgängig gemacht, die infolge explodierender Energiepreise notwendig geworden waren. Die Kommission selbst räumte ein, dass die straffere Geldpolitik die Wirtschaft im kommenden Jahr „zweifellos" bremsen werde.
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Zur AktienanalyseErste Abkühlungszeichen in der Wirtschaft
Trotz der anhaltenden Inflation zeigen sich erste Zeichen einer wirtschaftlichen Abkühlung. Die Verbrauchernachfrage beginnt nachzulassen: Die Haushaltsausgaben sanken im April, die Immobilienpreise stagnieren und die Arbeitslosigkeit ist leicht angestiegen. Die Swap-Märkte preisen derzeit eine Wahrscheinlichkeit von lediglich 7 Prozent für eine weitere Zinserhöhung im nächsten Monat ein, während insgesamt eine Straffung um 23 Basispunkte für das laufende Jahr eingepreist ist.
Für deutsche Anleger und Beobachter ist die Entwicklung in Australien ein Indikator dafür, wie Zentralbanken weltweit mit dem Spannungsfeld zwischen Lohnwachstum, Inflation und Konjunkturabkühlung umgehen – eine Herausforderung, die auch die Europäische Zentralbank kennt.


