Baumolsche Kostenkrankheit erklärt die Unzufriedenheit demokratischer Wähler weltweit
Ein strukturelles Wirtschaftsphänomen aus den 1960er Jahren könnte erklären, warum Bürger überall mehr zahlen und weniger bekommen.

Von Tokio bis London, von Paris bis Washington – demokratische Regierungen scheinen reihenweise unfähig zu sein, ihre Wähler zufriedenzustellen. Ob konservativ, zentristisch oder mitte-links: Ein Wechsel an der Spitze oder gar der regierenden Partei löst die zugrunde liegende Angst nicht. Die liberalen Demokratien der Welt gleichen sich in ihrem Unglück – eine Beobachtung, die der ehemalige stellvertretende Premierminister Kanadas in einem Gastbeitrag für die Financial Times analysiert.
Die beständigste Beschwerde der Bürger lautet dabei überall gleich: Einfache Menschen haben das Gefühl, mehr Steuern als je zuvor zu zahlen, während die öffentlichen Dienstleistungen, die sie im Gegenzug erhalten, immer schlechter werden. Seit der Erfindung des modernen Sozialstaats ist die effektive Erbringung staatlicher Leistungen zentraler Bestandteil des demokratischen Gesellschaftsvertrags. Wir zahlen Steuern – und im Gegenzug werden unsere Kinder unterrichtet und unsere Krankheiten behandelt.
Das ist kein Randthema: OECD-Länder geben im Durchschnitt etwa 14 Prozent des BIP für das Gesundheitswesen und die Bildung aus. Diese beiden Bereiche machen rund ein Viertel aller Staatsausgaben aus. Dennoch haben immer mehr Menschen das Gefühl, dass sie nicht auf ihre Kosten kommen.
Was ist die Baumolsche Kostenkrankheit?
Die Antwort auf dieses Dilemma beginnt laut dem Autor mit einem strukturellen Phänomen, das der Ökonom William Baumol bereits in den 1960er Jahren identifizierte: die sogenannte Baumolsche Kostenkrankheit. Baumols ursprüngliche Aufgabe war es zu ermitteln, warum Live-Aufführungen klassischer Musik immer schwieriger zu finanzieren waren. Seine Erkenntnis war verblüffend einfach: Das Problem lag nicht darin, dass die Musiker schlechter wurden – sondern dass der Rest der Wirtschaft besser wurde.
Vier Musiker benötigen heute genauso eine Stunde Arbeitszeit, um ein Streichquartett von Schubert aufzuführen wie eh und je. Doch vier Stunden menschlicher Arbeit produzieren heute etwa hundertmal so viel Weizen wie in der vorindustriellen Ära. Bei Industriegütern ist der Multiplikator sogar noch größer. Dieselbe Logik gilt für den Spaziergang mit einem Kleinkind im Park oder die Begleitung einer Mutter bei der Geburt – diese Tätigkeiten lassen sich kaum produktiver gestalten.
Genau hier liegt das Kernproblem für den Staat: Vieles von dem, was Regierungen tun, gleicht eher dem Geigenspiel als der Herstellung eines Autos. Gesundheit, Bildung und Pflege sind arbeitsintensive, menschliche Dienstleistungen, die sich der Produktivitätssteigerung weitgehend entziehen. Während die Wirtschaft insgesamt produktiver wird, steigen die relativen Kosten dieser Sektoren unweigerlich – ohne dass die Qualität zwingend sinkt.
Bürokratie, KI und die Grenzen des Machbaren
Es ist ein verbreitetes Argument, dass der öffentliche Sektor einfach produktiver werden müsse – so wie T-Shirt-Hersteller und Computerproduzenten es getan haben. Daran ist durchaus etwas Wahres: Bürokratie und weiche Budgetbeschränkungen machen viele öffentliche Dienstleistungen kostspieliger als nötig. Die KI-Revolution könnte hier Abhilfe schaffen, insbesondere beim bürokratischen Papierkram.
Doch der Autor warnt davor, die strukturelle Kraft von Baumols Beobachtung zu ignorieren. Einige Aufgaben könnten von Robotern übernommen werden – selbstreinigende Häuser etwa. Aber Roboter sollen keine Kleinkinder auf dem Spielplatz schaukeln oder Mütter während der Wehen begleiten. Manche menschlichen Leistungen sind und bleiben unersetzbar.
Eine mögliche Anpassungsstrategie wäre, höhere Steuern auf jene Sektoren zu erheben, die produktiver werden können. Das bringt jedoch eigene politische Herausforderungen mit sich – sichtbar im aufziehenden Kampf zwischen „Makers" (Leistungsträgern) und „Takers" (Empfängern). Ohne ein globales Steuerabkommen können die produktivsten Akteure jeder Demokratie damit drohen, in Länder mit niedrigeren Steuern abzuwandern. Die OECD war unter der Biden-Regierung einer solchen Einigung nahe gekommen.
Lesen Sie alles zur aktuellen Aktie der Stunde
Erfahren Sie, worum es geht und warum sich ein genauer Blick jetzt lohnt.
Zur AktienanalyseEin möglicher Silberstreifen im KI-Zeitalter
Trotz der düsteren Diagnose sieht der Autor einen Lichtblick: Wenn es gelingt, die Früchte des technologischen Fortschritts gerecht zu verteilen, könnte die Baumolsche Krankheit im Zeitalter der KI zu positiven Ergebnissen führen. Alle Dinge, die keine individuelle menschliche Note erfordern, könnten zu immer geringeren Kosten produziert werden – nicht nur Weizen, T-Shirts und Fernseher, sondern auch der bürokratische Verwaltungsaufwand.
Das könnte den Menschen den Freiraum geben, mehr Zeit mit Tätigkeiten zu verbringen, die nur ein Mensch gut erledigen kann: einem Kind das Lesen beibringen, einer Großmutter die Haare waschen – oder ein Streichquartett spielen. Die Politik im Umgang mit der Baumolschen Krankheit ist teuflisch schwierig. Doch das Verständnis des Phänomens ist ein notwendiger erster Schritt, um die Wut der Wähler nicht nur zu verstehen, sondern ihr auch sinnvoll zu begegnen.


