Bending Spoons nach Nasdaq-IPO: Chancen und Risiken im Check
Das Mailänder App-Konglomerat debütierte fulminant an der Nasdaq – doch Kritiker warnen vor einem riskanten Geschäftsmodell.

Bending Spoons ist kein gewöhnliches Technologieunternehmen. Das Mailänder Unternehmen kauft Apps und digitale Plattformen auf, restrukturiert sie radikal – und entlässt dabei häufig einen Großteil der bestehenden Belegschaft. Dieses Hybridmodell aus Beteiligungsgesellschaft und IT-Konzern sorgt für Aufsehen, aber auch für ein umstrittenes Image in der Branche.
CEO und Gründer Luca Ferrari zeigt sich davon unbeeindruckt. „Wir hatten noch keinen Misserfolg. Stattdessen ist jedes Produkt profitabel", erklärte er der WirtschaftsWoche nach der Übernahme des Internet-Pioniers AOL. Anfang Juli folgte der nächste Meilenstein: der Börsengang an der Nasdaq in New York.
Starkes Debüt, dann Kurskorrektur
Der IPO spülte 1,68 Milliarden Dollar in die Kassen des Unternehmens. Am ersten Handelstag legte die Aktie um beeindruckende 40 Prozent zu. Seitdem hat das Papier jedoch rund 18 Prozent an Wert verloren und wird aktuell um die 32 Dollar gehandelt – immer noch oberhalb des Ausgabepreises von 29 Dollar, aber deutlich unter dem Eröffnungshoch.
Ferrari selbst hatte Anleger bereits beim Börsenstart auf eine längere Reise eingestimmt. Die Firmenstrategie führe zwar zu hohen Gewinnen, erfordere aber Zeit. „Wenn man sich Evernote oder eigentlich jede der bedeutenden Übernahmen ansieht, die wir gemacht haben, ist das im Grunde ein komplett neues Produkt – und so etwas passiert nicht über Nacht", so der CEO.
Die Zahlen für das erste Quartal sprechen zunächst für ihn: Bending Spoons erzielte einen Umsatz von 601 Millionen Dollar und einen Nettogewinn von 27,5 Millionen Dollar. Ein solider Jahresauftakt, der Vertrauen in die operative Stärke des Unternehmens weckt.
Portfolio mit bekannten Namen
Zum Unternehmensportfolio zählen neben AOL auch Evernote, die Videoplattform Vimeo, die Outdoor-App Komoot sowie die KI-Foto-App Remini. Die Entwicklung der Aktie hängt damit nicht nur von künftigen Zukäufen ab, sondern vor allem davon, was das Management mit diesen bestehenden Produkten vorhat.
Besonders interessant für Privatanleger: Bending Spoons meldet monatlich 500 Millionen aktive Nutzer – von denen jedoch lediglich neun Millionen zahlende Kunden sind. Das entspricht zwar einer Verdreifachung seit 2023, lässt aber noch erheblichen Spielraum nach oben. Ferrari sieht darin eine klare Wachstumschance: „Es gibt reichlich Spielraum für organisches Wachstum – selbst unter der Annahme, dass wir nie wieder einen neuen Nutzer hinzugewinnen."
Kritik aus der Investorenszene
Nicht alle teilen diesen Optimismus. Tim Schumacher, Kölner Investor und Co-Gründer der SaaS-Group, äußerte sich noch vor dem Börsengang auf Basis des Börsenprospekts deutlich: „Heilige Scheiße, das ist riskant." Sein Hauptkritikpunkt: Der von Bending Spoons angestrebte Ertrag pro Zukauf von 65 Prozent liege zwei- bis dreimal so hoch wie die Zielmarken vergleichbarer Softwareunternehmen.
Lesen Sie alles zur aktuellen Aktie der Stunde
Erfahren Sie, worum es geht und warum sich ein genauer Blick jetzt lohnt.
Zur AktienanalyseSchumacher wirft dem Unternehmen vor, seine Zukäufe nicht langfristig zu entwickeln, sondern kurzfristig zu monetarisieren. Angesichts eines Schuldenstands von bereits 4,4 Milliarden Dollar bezweifelt er, ob sich diese Strategie noch weitere fünf bis zehn Jahre in dieser Form aufrechterhalten lässt. Allerdings ist Schumachers Unternehmen ein direkter Wettbewerber von Bending Spoons – seine Einschätzung ist daher alles andere als neutral.
Fazit für Privatanleger
Bending Spoons ist eine Wette auf ein ungewöhnliches Geschäftsmodell. Wer in die Aktie investiert, glaubt daran, dass digitale Produkte und Kundenstämme losgelöst von ihren ursprünglichen Teams erfolgreich weitergeführt werden können. Die bisherigen Zahlen deuten darauf hin, dass das funktionieren kann – doch das Risiko bleibt hoch. Anleger sollten die Entwicklung des Schuldenabbaus und der Monetarisierungsquote genau im Blick behalten.


