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Benteler trotzt der Krise: Wie der Autozulieferer die Transformation meistert

Während die Branche strauchelt, steigert Benteler-Chef Ralf Göttel das EBITDA um 8 Prozent – und setzt auf einen mutigen Strategiewechsel.

Benteler trotzt der Krise: Wie der Autozulieferer die Transformation meistert

„Hoffnung ist keine Strategie" – mit diesem Satz bringt Ralf Göttel, Chef des Stahlrohr- und Autozuliefererunternehmens Benteler, seine Unternehmensphilosophie auf den Punkt. Geopolitische Unsicherheiten, die Absatzkrise der Automobilbranche und eine schwächelnde Konjunktur: Göttel wartet nicht darauf, dass sich das Umfeld von selbst verbessert. Stattdessen setzt er auf das, was er selbst kontrollieren kann – „aktives Risikomanagement".

Konkret bedeutet das: flexible Produktionskapazitäten, eine breite Kunden- und Marktbasis sowie lokale Lieferketten. Letztere schützen das Unternehmen laut Göttel sowohl vor Zollrisiken als auch vor den Auswirkungen geopolitischer Konflikte – etwa rund um die Straße von Hormus. Diese Strategie zahlt sich aus: Im Geschäftsjahr 2025 sank zwar der Umsatz leicht, das EBITDA stieg jedoch um rund 8 Prozent auf 641 Millionen Euro.

Göttel hat Benteler mit seinen 22.000 Beschäftigten in den vergangenen Jahren konsequent auf Effizienz getrimmt und Überkapazitäten abgebaut. „Wir haben das beeinflusst, was wir beeinflussen können – ich bin zufrieden", sagt der CEO. „Wir sind einer der wenigen Autoteile- und Stahlrohrhersteller, die ihre Profitabilität steigern konnten."

Ioki-Zukauf: Benteler wird zum Mobilitätsanbieter

Zum Jahresbeginn hat Benteler einen strategisch bedeutsamen Schritt vollzogen: Das Unternehmen übernahm Ioki, die Mobilitätstochter der Deutschen Bahn. Mit diesem Zukauf will Benteler künftig ein vollständiges Mobilitätsangebot aus einer Hand bereitstellen – ein Wunsch, den viele Kommunen laut Göttel bereits äußern. Schon länger entwickelt Benteler das autonome Shuttle „Holon", das derzeit in Hamburg im Testbetrieb fährt. Ioki liefert nun die passende Software für die Integration in den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV).

Das Mobilitätsgeschäft soll international wachsen. Göttel nennt die USA und den Nahen Osten als besonders vielversprechende Märkte. Ioki werde dabei eigenständig bleiben, aber vom Netzwerk des Benteler-Konzerns profitieren. Langfristig – in einem Zeithorizont von zehn bis 15 Jahren – könnte das Mobilitätsgeschäft zu einem gleichwertigen Standbein neben dem klassischen Stahl- und Automobilgeschäft werden.

Intern stieß der Zukauf auf positive Resonanz. „Wir haben in die Zukunft investiert, es ist ein Aufbruch und ein positives Signal für die Beschäftigten", sagt Göttel. Auch das rund 100-köpfige Ioki-Team profitiere: Es kann nun auf das Netzwerk von 22.000 Benteler-Mitarbeitern zurückgreifen. Die Zusammenarbeit laufe „als wäre Ioki schon immer ein Teil von uns gewesen".

Branche unter massivem Druck: Insolvenzen auf Rekordniveau

Bentelers vergleichsweise positive Lage steht in starkem Kontrast zur Gesamtsituation der deutschen Zulieferindustrie. Der Branchenverband Arbeitsgemeinschaft Zuliefererindustrie meldete Ende April, dass die Branche 2025 einen Umsatzrückgang von 1,1 Prozent verzeichnete, während die Produktion um 1,0 Prozent sank. Es war bereits das vierte Jahr in Folge mit rückläufiger Produktion – und ein Aufwärtstrend ist nicht in Sicht.

Besonders alarmierend: Die Zahl der Großinsolvenzen – also von Unternehmen mit mehr als 10 Millionen Euro Jahresumsatz – bleibt auf Rekordniveau. Nach 59 Großinsolvenzen im Jahr 2025 rechnen Experten der Restrukturierungsberatung Falkensteg für das laufende Jahr mit 62 Verfahren. Laut Automotive-Experte Jonas Eckhardt von Falkensteg würden selbst politische Reformen und eine bessere Weltkonjunktur keine schnelle Entlastung bringen: „Das wird sich nicht so schnell in den Bilanzen der Unternehmen widerspiegeln."

Hinzu kommt der strukturelle Stellenabbau. VDA-Präsidentin Hildegard Müller warnte gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland: „Wir müssen leider nach aktuellen Berechnungen von einem Beschäftigungsverlust von 225.000 Arbeitsplätzen bis 2035 ausgehen, also etwa 35.000 Arbeitsplätze mehr als bisher angenommen." Besonders betroffen seien die Zulieferbetriebe, da auf dem Weg zur Elektromobilität viele Arbeitsplätze in diesem Segment wegfallen.

Drei Schlüsselthemen: Kosten, Standort, Konsolidierung

Stefan Schneeberger von der Automotive-Beratung Berylls zeichnet ein differenziertes Bild der Branche. Während sich Elektronik, Reifen und Halbleiter gut entwickelten, hätten Stahl- und Eisenspezialisten sowie Unternehmen mit Fokus auf Exterieur oder Kabelbäume weiterhin einen schweren Stand. Sein Rat ist klar: „Nicht warten mit unbequemen Handlungen. Also Kosten reduzieren, Überkapazitäten abbauen, sich von unprofitablem Geschäft trennen."

Schneeberger beobachtet zudem, dass weniger Konsolidierungen stattfinden als eigentlich zu erwarten wären – weil viele Unternehmen diesen Schritt hinauszögern. Einige Zulieferer weichen in andere Branchen aus, zuletzt häufig in die boomende Rüstungsindustrie. Doch auch das birgt Risiken: „Die Gefahr ist dabei immer, sowieso schon knappe Ressourcen in ein Geschäft zu investieren, in dem man so schnell keine Erträge sieht", warnt Schneeberger. Wer sein Kerngeschäft optimieren will, müsse vor allem drei Themen im Blick behalten: Kosten, Standort und Konsolidierung.

Die Prognose von Falkensteg verdeutlicht die Dimension der Herausforderung: 70 Prozent der Zulieferer werden 2026 voraussichtlich eine Rendite von weniger als fünf Prozent erwirtschaften – jener Schwelle, die als Minimum für Zukunftsinvestitionen gilt. Für Benteler hingegen, das in diesem Jahr sein 150-jähriges Jubiläum feiert, scheint der Kurs klar: weg vom reinen Stahlrohr- und Autozulieferer-Image, hin zum Mobilitätsanbieter der Zukunft.

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