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BIP als Wohlstandsindikator: Warum die Welt umdenken muss

Das Bruttoinlandsprodukt gilt als wichtigste Wirtschaftskennzahl – doch UN und Ökonomen fordern längst einen grundlegenden Wandel.

BIP als Wohlstandsindikator: Warum die Welt umdenken muss

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist seit Jahrzehnten die zentrale Messgröße für wirtschaftlichen Erfolg. Doch immer mehr Ökonomen, internationale Organisationen und Politiker zweifeln daran, ob diese Kennzahl wirklich das misst, was zählt: den tatsächlichen Wohlstand der Menschen. UN-Generalsekretär António Guterres hat die Reform der globalen Wirtschaftsmessung zur Priorität seiner zweiten Amtszeit erklärt.

Die Debatte ist nicht neu. Bereits 1963 schrieb der pakistanische Ökonom Mahbub ul Haq, damals erfahrener Chefökonom der pakistanischen Planungskommission und noch keine 30 Jahre alt: „Man sollte anerkennen, dass Wirtschaftswachstum ein brutaler, schmutziger Prozess ist. Es gibt keine Abkürzungen." Haq war damals ein Verfechter der „Wachstum um jeden Preis"-Philosophie, die an der Spitze der Wirtschaftswissenschaften stand.

Pakistans Wachstumswunder und seine Schattenseiten

Unter Anleitung von Ökonomen der Harvard University halfen Haq und seine Kollegen Pakistan, in den 1960er Jahren um etwa 6 Prozent jährlich zu wachsen. Das Land galt als „Entwicklungswunder". Doch nur fünf Jahre später hatte Haq seine Meinung grundlegend geändert – denn das Wachstum hatte die strukturelle Armut des Landes nicht beseitigt.

Die Architekten von Pakistans erstem Fünfjahresplan hatten ursprünglich bezahlbaren Wohnraum sowie Ausgaben für öffentliches Gesundheitswesen und Bildung priorisiert. Ihre in den USA ausgebildeten Berater setzten jedoch auf Industriepolitik, die vor allem eine kleine Anzahl von Mischkonzernen stärkte. Die Ökonomin Khadija Haq stellte fest, dass lediglich 20 Familiengruppen die meisten Industrieunternehmen, Versicherungsgesellschaften und Banken kontrollierten, die damals an der Börse von Karatschi notiert waren.

Haq zog daraus eine klare Konsequenz und schrieb später in „The Poverty Curtain": „Es ist an der Zeit, die Wirtschaftstheorie auf den Kopf zu stellen, da eine steigende Wachstumsrate keine Garantie gegen eine sich verschlimmernde Armut ist." Diese Erkenntnis hat bis heute nichts an Aktualität verloren.

Von Tunesien bis Bangladesch: Ein globales Muster

Von Tunesien im Jahr 2011 bis Bangladesch im Jahr 2024 hat ein Land nach dem anderen einen ähnlichen Zyklus durchlaufen: beachtliche Wirtschaftswachstumsraten, die Arbeitslosigkeit – insbesondere unter jungen Menschen –, ein hohes Maß an Vermögensungleichheit und soziale Unruhen kaschierten, die in einigen Fällen zu Revolutionen führten. Das BIP als alleinige Steuerungsgröße versagt dort, wo es am meisten gebraucht wird.

Guterres reagierte 2021 mit einem konkreten Schritt: Er veranlasste die Chefs der wichtigsten multilateralen Organisationen, darunter IWF und Weltbank, ein gemeinsames Papier zu verfassen. Das Dokument „Valuing What Counts" forderte ein politisches Mammutprojekt, um das BIP vom Begriff des Fortschritts zu entkoppeln. Eine zweite Gruppe unabhängiger akademischer Ökonomen kam zu einem ähnlichen Schluss.

Zwei Wege jenseits des BIP

Die UN-Mitgliedstaaten, angeführt von Spanien und Guyana, haben inzwischen einen zwischenstaatlichen Prozess eingeleitet, um neue Kennzahlen zu verabschieden – darunter möglicherweise einen neuen zusammengesetzten Index. Grundsätzlich stehen zwei Optionen zur Debatte:

Erweiterung des BIP

: Das BIP könnte künftig nicht nur den Geldwert aller fertigen Waren und Dienstleistungen erfassen, sondern auch unbezahlte Hausarbeit, Naturkapital und Ökosystemdienstleistungen. Dies erweist sich jedoch als äußerst schwierig umzusetzen.

Dashboard-Ansatz

: Alternativ könnten Volkswirtschaften nach einem breiten Indikatorenset gesteuert werden – darunter Schulbesuch, allgemeine Gesundheitsversorgung und weitere Ziele für nachhaltige Entwicklung der UN, die lediglich in den Status des BIP erhoben werden müssten.

Mahbub ul Haq selbst arbeitete in seinen späteren Jahren für die UN und leitete dort die Entwicklung des Index der menschlichen Entwicklung (HDI) – ein kalkulierter Versuch, das BIP zu entthronen. Er wäre genauso plakativ, stünde aber für bessere Dinge, sagte er seinem Freund und Mitarbeiter Amartya Sen. Doch das HDI-Team beging den Fehler, den neuen Index als Parallelindikator zum BIP einzurichten, der außerhalb des UN-Systems der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen existierte. Dies ermöglichte es dem BIP, seine Herrschaft für weitere drei Jahrzehnte fortzusetzen.

Haq starb 1998. Sein Vermächtnis aber bleibt aktuell: Die Welt kann es sich kaum leisten, sich endlos mit der Verfeinerung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen zu beschäftigen, wenn nicht genug gegen die realen Probleme der Massenarmut getan wird. Guterres' Nachfolger wird die „Beyond GDP"-Arbeit der UN weiter vorantreiben müssen – denn die Geschichte lässt sich nicht rückgängig machen.

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