BOJ-Protokolle: Kurodas Negativzins-Entscheidung 2016 spaltete das Direktorium
Neu veröffentlichte Sitzungsprotokolle zeigen: Die Bank of Japan war 2016 tief gespalten – Mitglieder nannten Kurodas Plan „unausgegoren".

TOKIO – Die Einführung von Negativzinsen durch die Bank of Japan (BOJ) im Januar 2016 war intern hoch umstritten. Das zeigen vollständige Sitzungsprotokolle, die am Mittwoch veröffentlicht wurden. Mehrere Ratsmitglieder bezeichneten den Schritt als übereilt und riskant – und das eigene Direktorium wurde offenbar weitgehend im Dunkeln gelassen.
Die Entscheidung wurde mit knapper Mehrheit von 5 zu 4 Stimmen angenommen. Damit offenbarte sich ein seltenes Maß an Uneinigkeit in einem Gremium, das traditionell auf Konsens ausgerichtet ist. Der damalige BOJ-Chef Haruhiko Kuroda hatte den Schritt vorangetrieben, nachdem massive Wertpapierkäufe die Inflation nicht ausreichend ankurbeln konnten.
Kritik aus den eigenen Reihen
Ratsmitglied Sayuri Shirai bezeichnete Kurodas Vorschlag als „unausgegoren und in Eile vorbereitet". Sie argumentierte, die wirtschaftliche Lage habe sich nicht so stark verschlechtert, um einen derart radikalen Schritt zu rechtfertigen. Ratsmitglied Takahide Kiuchi erklärte, er sei „äußerst zweifelhaft" hinsichtlich der Umsetzbarkeit der Maßnahme, ohne die Auswirkungen auf die Wirtschaft gründlich zu erörtern.
Besonders brisant: Die Protokolle zeigen, dass die meisten Ratsmitglieder während der Vorbereitung des Plans durch Kuroda und seinen Stab nicht einbezogen wurden. Die Entscheidung überraschte zudem die Märkte – sie fiel nur wenige Tage nach Kurodas parlamentarischer Aussage, in der er Negativzinsen noch ausgeschlossen hatte.
Ratsmitglied Takehiro Sato warnte vor einem Zinssenkungswettbewerb mit der Europäischen Zentralbank (EZB). „Es ist klug, ein solch nutzloses Spiel zu vermeiden", sagte Sato laut dem Protokoll. Er befürchtete, Japan könnte in einen Währungskrieg hineingezogen werden, bei dem beide Seiten ihre Währungen gezielt abwerten.
Hintergrund: Warum Kuroda handelte
Die BOJ senkte damals einen Leitzins auf minus 0,1 Prozent – konkret wurde ein Negativzins von 0,1 Prozent auf einen Teil der Einlagen von Finanzinstituten bei der Zentralbank erhoben. Ziel war es, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln und dem starken Yen entgegenzuwirken, der der exportabhängigen japanischen Wirtschaft schadete. Die Reaktion der Märkte war zunächst positiv: Weltweite Aktienmärkte legten zu, der Yen gab nach und Staatsanleihen verzeichneten eine Rally.
Koji Ishida, ehemaliger Geschäftsbanker und damaliges Ratsmitglied, bezweifelte jedoch die Wirksamkeit des Schritts. Er erklärte, dass Versuche, die ohnehin niedrigen Zinsen weiter zu drücken, kaum dazu beitragen würden, die Kreditvergabe und die Investitionsausgaben anzukurbeln.
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Zur AktienanalyseBOJ unter neuem Chef Ueda vor ähnlichen Herausforderungen
Die Negativzinspolitik endete schließlich im Jahr 2024. Unter dem aktuellen BOJ-Chef Kazuo Ueda wurden die Zinsen seither mehrmals angehoben. Doch auch Ueda kämpft mit Uneinigkeit im Rat: Die Entscheidung im April, die Zinsen stabil zu halten, stieß auf den Widerstand zweier falkenhafter Mitglieder, die eine Erhöhung forderten. Die Zinserhöhung auf 1 Prozent im Juni wiederum traf auf den Widerspruch eines taubenhaften Ratsmitglieds.
Die BOJ veröffentlicht zusammengefasste Protokolle einige Wochen nach jeder geldpolitischen Sitzung. Vollständige Berichte über die internen Beratungen werden erst rund zehn Jahre später der Öffentlichkeit zugänglich gemacht – weshalb die detaillierten Einblicke in die Sitzung von 2016 erst jetzt ans Licht kommen.


