Brasiliens Inflation steigt im Mai über Zielkorridor der Zentralbank
Die Verbraucherpreise legten auf 4,72 Prozent zu – erstmals seit Oktober überschreitet die Rate die Obergrenze des Zielkorridors.

Brasiliens Verbraucherinflation hat sich im Mai stärker als erwartet beschleunigt. Die jährliche Inflationsrate stieg auf 4,72 Prozent, wie das Statistikamt IBGE am Freitag mitteilte. Damit übertraf sie nicht nur den April-Wert von 4,39 Prozent, sondern auch die Konsensprognose von 4,66 Prozent aus einer Reuters-Umfrage unter Ökonomen. Es ist das erste Mal seit Oktober, dass die Inflation die Obergrenze des Zielkorridors der brasilianischen Zentralbank überschreitet.
Auf Monatsbasis stiegen die Verbraucherpreise im Mai um 0,58 Prozent. Das entspricht zwar einer Verlangsamung gegenüber dem Anstieg von 0,67 Prozent im April, liegt aber dennoch über der Ökonomenprognose von 0,53 Prozent. Haupttreiber des Preisanstiegs waren Nahrungsmittel und Getränke, die im Vergleich zum Vormonat um 1,33 Prozent zulegten. Die Transportkosten sanken hingegen um 0,46 Prozent, nachdem sie im März infolge des Ölpreisschocks im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt sprunghaft angestiegen waren.
Zentralbank unter Druck vor Zinsentscheidung
Die Daten kommen zu einem besonders heiklen Zeitpunkt: Die brasilianische Zentralbank trifft am 16. und 17. Juni ihre nächste geldpolitische Entscheidung. Die Notenbank strebt eine Inflation von 3 Prozent an, mit einer Toleranzmarge von plus/minus 1,5 Prozentpunkten – der Zielkorridor liegt also zwischen 1,5 und 4,5 Prozent. Mit 4,72 Prozent liegt die aktuelle Rate nun knapp darüber.
Die Währungshüter hatten den Leitzins Selic im April zum zweiten Mal in Folge um 25 Basispunkte auf 14,50 Prozent gesenkt. Den nächsten Schritt ließen sie jedoch bewusst offen und verwiesen auf aufkommende Inflationsrisiken, unter anderem im Zusammenhang mit dem anhaltenden Konflikt zwischen den USA, Israel und dem Iran. Zentralbankchef Gabriel Galipolo warnte zuletzt, dass nachfragebedingter Druck die Inflation zusätzlich verstärke – und zwar auch abseits externer Angebotsschocks wie dem Ölpreisanstieg.
Banken schrauben Erwartungen für Zinssenkungen zurück
Brasilianische Banken haben ihre Erwartungen für weitere Zinssenkungen bereits zurückgenommen. Als Gründe nennen sie den schwierigeren Inflationsausblick infolge höherer Ölpreise sowie inländische fiskalische Anreize. Eine wöchentliche Umfrage der Zentralbank zeigt, dass Ökonomen zunehmend mit einem weniger stark ausgeprägten Lockerungszyklus rechnen. Die jüngste Erhebung sieht den Selic-Zinssatz bis zum Jahresende bei 13,50 Prozent – nach 13,25 Prozent in der Vorwoche.
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Zur AktienanalyseÖkonomen mahnen angesichts der Datenlage zur Vorsicht. „Der Bericht ändert nichts am Gesamtbild, dass die Inflation weiterhin unter Druck steht", sagte Rafael Rondinelli, Ökonom bei MAG Investimentos. „Die Daten unterstreichen die Notwendigkeit zur Vorsicht bei der Bewertung der nächsten Schritte in der Geldpolitik."
Für deutsche Anleger mit Blick auf Schwellenländer ist die Entwicklung in Brasilien relevant: Als größte Volkswirtschaft Lateinamerikas beeinflusst die brasilianische Geldpolitik nicht nur regionale Märkte, sondern auch internationale Kapitalströme. Ein anhaltend hoher Leitzins von 14,50 Prozent macht brasilianische Anleihen attraktiv, erhöht aber gleichzeitig den Druck auf Wirtschaftswachstum und Staatsfinanzen.


