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Britische Innenstädte retten: Warum Gewerbesteuer allein nicht reicht

Leerstände, verfallene Pubs und geschlossene Läden prägen Großbritanniens High Streets – ein Politikexperte fordert radikales Umdenken.

Britische Innenstädte retten: Warum Gewerbesteuer allein nicht reicht

Die britische Regierung hat die Gewerbesteuer für Pubs und Musikveranstaltungsorte gesenkt – es ist nach Zählung eines Politikexperten bereits die zwölfte Anpassung dieser Immobiliensteuer innerhalb eines Jahrzehnts. Für den Autor, der dem Netzwerk Kinship Works angehört, ist das ein deutliches Signal: Das Problem der britischen Innenstädte ist größer, als Politiker öffentlich zugeben wollen. Zehntausende Gebäude stehen im ganzen Land verfallen oder leer.

Das Kernproblem liegt tiefer als Steuersätze und Förderprogramme. Seit rund 5.000 Jahren erfüllt der stationäre Einzelhandel zwei Funktionen gleichzeitig: Er ist Ort des Kaufens und Ort der Begegnung. Die Kundenfrequenz für Waren subventionierte dabei stets den öffentlichen Raum – die Bänke, die soziale Kontrolle durch Passanten, den Grund, irgendwohin zu gehen. Das Online-Shopping hat dieses Arrangement offengelegt und weitgehend zerstört.

Strukturwandel trifft Gemeinschaft

Was bleibt, ist der soziale Zweck der Innenstadt – ohne Finanzierung, in Gebäuden, die diese Funktion früher kostenlos miterfüllten. Eine künstliche Beatmung des stationären Einzelhandels sei keine Lösung, so der Autor. Stattdessen brauche es neue Formen des bürgerlichen Lebens in Gebäuden, die der Einzelhandel nicht mehr benötigt.

Konkrete Ansätze gibt es bereits: In South Shields und Blyth werden College-Campusse ins Stadtzentrum verlegt. Reparaturwerkstätten boomen als neue Nutzungsform. Öffentliche Dienste wie lokale Finanzämter, Amtsgerichte, Polizeistationen und kleine Krankenhäuser sind aus den Innenstädten verschwunden – durch gemeinsam genutzte Bürgerzentren könnte die Nähe zum Staat zurückkehren. Auch Wohnraumumwandlungen in Stadtzentren brächten Menschen und Gemeinschaft zurück.

Doch all diese Ansätze scheitern an einem strukturellen Hindernis: dem sogenannten „Delinquent Ownership" – pflichtwidrigem Eigentum. Eigentümer lassen verfallene Objekte lieber leerstehen, als sie zu verkaufen oder zu vermieten. Der Grund: Es ist lukrativer, auf eine wertvollere Baugenehmigung zu warten oder darauf, dass ein Dach einstürzt und der Denkmalschutz damit hinfällig wird, als einen buchhalterischen Verlust steuerlich zu realisieren. Wer beobachtet, wie ein verfallener Pub ein Jahrzehnt lang verkommt, sieht laut dem Autor meist zu, wie jemand eine Zahl in einer alten Tabellenkalkulation schützt – auf Kosten der Gemeinschaft.

Aktiver Staat als Lösung gefordert

Der Autor fordert deshalb ein staatlich unterstütztes Kapitalvehikel – eine Art „National Trust" für die High Street –, das die vorübergehende Trägerschaft verfallener Gebäude übernehmen könnte, während langfristige Nutzungspläne entwickelt werden. Ergänzend dazu brauche es einen Prozesskostenfonds mit spezialisierten Anwälten, um die Erwartungen von Eigentümern zu verändern, deren Gebäude die Gemeinschaft beeinträchtigen.

Kommunen besitzen zwar rechtliche Befugnisse, um gegen säumige Eigentümer vorzugehen, nutzen diese aber selten – es fehlt an Kapazität und Vertrauen. Die Kampagne „Communities Against Delinquent Ownership", die das Netzwerk Kinship Works in Kürze starten will, soll genau hier ansetzen und den Druck auf untätige Eigentümer erhöhen.

Die Botschaft des Autors ist klar: Auf Anreize wie Gewerbesteuerbefreiungen allein zu setzen, ist zu spät. Nur aktive Gemeinschaften, unterstützt durch einen aktiven Staat, könnten Großbritanniens Stadtzentren in dem Maße und Tempo retten, das nötig ist. Für deutsche Beobachter ist die Debatte nicht ohne Relevanz – auch hierzulande kämpfen viele Innenstädte mit Leerstand und dem Strukturwandel im Einzelhandel.

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