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Cantillon-Effekt: Warum Geldpolitik die Vermögensschere weiter öffnet

Ein wirtschaftliches Prinzip aus dem 18. Jahrhundert erklärt, warum Reiche von Geldmengenausweitungen profitieren – und Ärmere verlieren.

Cantillon-Effekt: Warum Geldpolitik die Vermögensschere weiter öffnet

Die Vermögensschere in Deutschland klafft immer weiter auseinander. Das belegt der aktuelle „Global Wealth Report" der Boston Consulting Group (BCG) mit eindrucksvollen Zahlen: Allein im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Menschen in Deutschland mit einem Finanzvermögen von mehr als 100 Millionen Dollar sprunghaft um rund 1.100 Personen an. Diese Elite von etwa 5.000 Superreichen kontrolliert inzwischen 27,3 Prozent des gesamten deutschen Finanzvermögens – das sich auf 12,4 Billionen Dollar beläuft.

Zusammen mit rund 700.000 Multimillionären hält diese kleine Oberschicht mehr als die Hälfte des Kapitals im Land: konkret 52,8 Prozent. Auf der anderen Seite stehen 66 Millionen Deutsche mit einem Vermögen von unter 250.000 Dollar, die sich das verbleibende Drittel teilen. BCG-Partner und Studien-Co-Autor Michael Kahlich bringt es auf den Punkt: „Die Konzentration des Vermögens an der Spitze nimmt weiter zu – wer mehr hat, kann breiter streuen und in renditestärkere Anlageklassen wie Aktien oder Private Equity investieren."

Die Prognose ist wenig ermutigend: Bis 2030 soll der Anteil der Superreichen am deutschen Finanzvermögen laut BCG auf 29 Prozent steigen. Viele Ökonomen sehen die Ursache dieser Entwicklung im sogenannten Cantillon-Effekt – einem wirtschaftlichen Konzept, das überraschend aktuell ist.

Was ist der Cantillon-Effekt?

Der Cantillon-Effekt geht auf den französisch-irischen Ökonomen Richard Cantillon zurück, der im 18. Jahrhundert lebte. Seine zentrale Erkenntnis: Veränderungen in der Geldmenge wirken sich nicht gleichmäßig und nicht sofort auf alle Wirtschaftsteilnehmer aus. Stattdessen breiten sie sich schrittweise aus – und begünstigen bestimmte Gruppen deutlich stärker als andere.

Konkret profitieren jene am meisten, die als Erste Zugang zu neu geschaffenem Geld erhalten – etwa Zentralbanken, Geschäftsbanken oder bestimmte Wirtschaftsakteure. Sie können das frische Kapital einsetzen, bevor die Inflation einsetzt und die Kaufkraft sinkt. Wer das neue Geld hingegen erst später erhält, findet bereits gestiegene Preise vor und verliert real an Kaufkraft.

Der Effekt verdeutlicht damit, dass Geldpolitik keineswegs neutral ist. Ihre Auswirkungen verteilen sich in der Realwirtschaft höchst ungleich – ein Umstand, der in Debatten über Inflation und Vermögensverteilung zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Warum werden Reiche reicher und Arme ärmer?

Mehrere Faktoren verstärken den Cantillon-Effekt in der Praxis. Erstens haben wohlhabende Individuen und Institutionen oft leichteren Zugang zu Krediten und neuen finanziellen Ressourcen. Sie können investieren, bevor die Inflation die Kaufkraft des Geldes mindert – und profitieren so von steigenden Vermögenswerten.

Zweitens spielt das Anlageverhalten eine entscheidende Rolle. Reiche Haushalte investieren typischerweise in Immobilien, Aktien und andere Sachwerte, deren Wert häufig im Gleichklang mit der Geldmenge steigt. Ärmere Bevölkerungsschichten hingegen halten ihre Ersparnisse oft in bar oder auf wenig rentablen Konten – und verlieren damit real an Kaufkraft.

Drittens tragen Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt zum Problem bei. In Phasen der Geldmengenausweitung können hochqualifizierte Beschäftigte mit stabilen Jobs schneller von Lohnsteigerungen profitieren. Geringer qualifizierte Arbeitnehmer oder Menschen in unsicheren Arbeitsverhältnissen haben es deutlich schwerer, ihre Einkommen entsprechend anzupassen.

Goldstandard als Gegenmodell?

Der Cantillon-Effekt wird häufig im Zusammenhang mit dem Goldstandard diskutiert – jenem Währungssystem, bei dem die Geldmenge durch die verfügbare Goldmenge begrenzt ist. In einem solchen System könnte der Effekt möglicherweise weniger stark ausgeprägt sein, da neue Geldmengen nur durch physisch abgebautes Gold entstehen und sich gleichmäßiger in die Wirtschaft einfügen.

Zudem wird der Goldstandard mit relativer Preisstabilität in Verbindung gebracht. Eine durch Gold begrenzte Geldmenge könnte Preise für Waren und Dienstleistungen stabiler halten und den Einfluss des Cantillon-Effekts abmildern. Allerdings könnte auch hier ein Vorteil für Wohlhabende entstehen, die leichteren Zugang zu Gold haben. Der Dollar war bis 1971 an den Goldstandard gekoppelt – seitdem ist die Geldmenge weltweit massiv gewachsen.

Was hat Bitcoin mit dem Cantillon-Effekt zu tun?

Bitcoin wird im Kontext des Cantillon-Effekts häufig als mögliches Gegenmodell diskutiert. Als dezentralisiertes digitales Zahlungsmittel, das weder von Regierungen noch von Zentralbanken kontrolliert wird, könnte Bitcoin theoretisch zu einer gleichmäßigeren Geldschöpfung beitragen. Die maximale Gesamtmenge ist auf knapp 21 Millionen Einheiten begrenzt – die Geldschöpfung ist damit vorhersehbar und transparent.

Im Gegensatz zu traditionellen Währungen ermöglicht Bitcoin grundsätzlich allen Nutzern mit Internetzugang die Teilnahme am System. Unerwartete Geldmengenausweitungen durch wenige mächtige Institutionen sind strukturell ausgeschlossen. Das klingt nach einem fairen System – doch auch Bitcoin ist nicht frei von Ungleichheit.

Frühe Bitcoin-Besitzer haben von enormen Kurssteigerungen profitiert, trugen dabei aber auch das erhebliche Risiko eines jungen und extrem volatilen Assets. Wer später einstieg, zahlte oft deutlich höhere Preise. Die Verteilungswirkung von Bitcoin hängt damit stark davon ab, wann und wie verschiedene Bevölkerungsgruppen Zugang zur Kryptowährung erhalten haben. Insgesamt zeigt die Betrachtung von Bitcoin im Kontext des Cantillon-Effekts jedoch, welche Rolle alternative Währungen und dezentrale Systeme bei der Veränderung traditioneller Muster der Geldverteilung potenziell spielen können.

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