Carry-Trades feiern Comeback: G10-Währungswetten so profitabel wie lange nicht
Zinsbasierte Währungsstrategien erzielen 2025 trotz globaler Unsicherheit rund 4% Rendite – der beste Lauf seit Jahren.

Der Carry-Trade erlebt derzeit seinen stärksten Aufschwung seit der globalen Finanzkrise. Anleger, die hochverzinste G10-Währungen kaufen und niedrigverzinste verkaufen, profitieren von einer seltenen Kombination: niedriger Währungsvolatilität, großen Zinsdifferenzen zwischen Industrieländern und einem Yen, der seinen Status als sicherer Hafen eingebüßt hat.
Nach Berechnungen der Citigroup hätte eine ungehebelte Strategie – Kauf der fünf G10-Währungen mit den höchsten Zinsen, Verkauf der fünf mit den niedrigsten – in diesem Jahr bisher eine Rendite von etwas mehr als 4% erzielt. „Seit der globalen Finanzkrise hat er kein Geld eingebracht, daher ist dieser Aufwärtstrend, den wir beobachten, ungewöhnlich", sagte Kristjan Kasikov, Leiter der FX Quant Investor Solutions bei Citi. „Es ist bemerkenswert in diesem Jahr der Unsicherheit und der schwankenden Stimmung."
Große Zinsdifferenzen als Treiber
Die Grundlage für den Erfolg liegt in den erheblichen Zinsunterschieden innerhalb der G10-Länder. Australien und Norwegen befinden sich im Zinserhöhungsmodus mit Leitzinsen über 4%. In Großbritannien liegt der Zinssatz knapp darunter. Japan hingegen notiert unter 1%, die Schweiz sogar bei 0%. Diese Spreizung war während der COVID-19-Pandemie, als die Zinsen weltweit nahe Null lagen, schlicht nicht vorhanden.
Die Währungsentwicklung spiegelt diese Differenzen deutlich wider: Der australische Dollar legte gegenüber dem US-Dollar in diesem Jahr bisher um fast 9% zu, die norwegische Krone sogar um 10%. Das britische Pfund gewann rund 1%, während der japanische Yen schwächelte – auch bedingt durch hohe Energiekosten. Morgan Stanley erwartet, dass sich das Pfund gegenüber dem US-Dollar stabil halten wird, sieht jedoch „zunehmende Konkurrenz durch den australischen Dollar und die norwegische Krone als bessere Carry-Optionen".
Stephen Jen, CEO und Co-CIO von Eurizon SLJ Asset Management, betonte die Breite der Strategie: „Carry-Trades bei Devisen sind beliebt. Es sind nicht nur kurzfristige Händler, sondern die Renditedifferenzen sind groß genug, damit auch Long-only-Anleger und Finanzverantwortliche in Unternehmen davon profitieren können."
Niedrige Volatilität als entscheidender Faktor
Carry-Trades funktionieren am besten in ruhigen Märkten – denn Wechselkursschwankungen können die Gewinne aus Zinsdifferenzen schnell zunichtemachen. Anleger erlitten 2024 empfindliche Verluste, als ein plötzlicher Yen-Anstieg in einem ruhigen Sommer Carry-Trades auslöschte und die Aktienmärkte einbrechen ließ.
Derzeit ist die Lage deutlich günstiger. Die Drei-Monats-Volatilität für Euro/Dollar, das weltweit meistgehandelte Währungspaar, liegt bei etwa 5,6% – weit unter dem Höchststand von 7,8% im März. Während des Zollschocks im April 2025 hatte sie mehr als 9% erreicht, im Juni 2022 sogar über 12%. Eine technologiegetriebene Aktienrally trägt aktuell dazu bei, die Volatilität an den Aktien- und Devisenmärkten zu dämpfen.
Auch der Yen spielt eine besondere Rolle: Obwohl japanische Interventionen die Währung zeitweise gestärkt haben, nutzten Händler dies, um den Yen auf höherem Niveau erneut zu verkaufen. „Der Verlust der defensiven Eigenschaften des Yen bedeutete, dass die Risikoaversion im März zwar sprunghaft anstieg, dies jedoch die Performance von Carry-Trades nicht wirklich beeinträchtigte, während dies historisch der Fall gewesen wäre", erklärte Kasikov von Citi.
Nicht jeder Carry-Trade ist gleich
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Zur AktienanalyseAlvise Marino, Devisenstratege bei UBS, mahnt zur Differenzierung. Ein klassischer Carry-Trade ziele eher auf Schwellenländerwährungen wie den brasilianischen Real oder den südafrikanischen Rand ab. Bei G10-Währungen laufe die Mechanik anders: Australische Anleger, die US-Vermögenswerte halten, können dank der Zinsdifferenz eine positive Rendite erzielen, indem sie das Währungsrisiko absichern. Dies mache eine Absicherung wahrscheinlicher und erzeuge so positive Kapitalflüsse für den australischen Dollar. Australische Pensionsfonds haben ihre Absicherungsquoten zuletzt tatsächlich erhöht.
„Dies ist eine andere Art von Carry-Trade als die, an die wir normalerlich denken", so Marino. Kaspar Hense, Senior Portfolio Manager bei RBC BlueBay Asset Management, ergänzte, dass seine Long-Positionen im australischen Dollar und in der norwegischen Krone primär auf den Rohstoffexporteur-Status dieser Länder zurückzuführen seien – und weniger auf klassische Carry-Überlegungen.
Für deutsche Privatanleger und institutionelle Investoren verdeutlicht die aktuelle Entwicklung: In einem Umfeld anhaltend divergierender Geldpolitik können Zinsdifferenzen zwischen Währungsräumen eine eigenständige Renditequelle darstellen – sofern die Volatilität niedrig bleibt.


