China wird zum globalen Innovationszentrum für etablierte Automobilhersteller
GM, Volkswagen und Renault verlagern ihre Fahrzeugentwicklung nach China und nutzen den technologischen Vorsprung des Landes.

General Motors hat im Mai einen seltenen Meilenstein erreicht: Im ersten Verkaufsmonat wurden mehr als 10.000 Einheiten des neuen Buick Electra E7 in China abgesetzt. Der Modellname klingt amerikanisch, doch das Fahrzeug selbst ist durch und durch chinesisch – entwickelt im gemeinsamen Technikzentrum von GM und dem lokalen Partner SAIC in Shanghai.
Besonders bemerkenswert: GM plant laut einer mit den Plänen vertrauten Person, den Electra E7 nach Südkorea zu exportieren. Zudem soll die in China entwickelte Plattform in der nächsten Generation des Cadillac Optiq zum Einsatz kommen – eine Information, die hier erstmals berichtet wird. Ein Sprecher von GM China wollte sich zu potenziellen Exporten oder künftigen Marktplänen nicht äußern, betonte jedoch, das Unternehmen entwickle Fahrzeuge und Technologien, die bei Kunden in China und anderen Märkten Anklang finden sollen.
Vom Produktionsstandort zum Technologietreiber
Jahrelang nutzten globale Automobilhersteller China lediglich als kostengünstige Produktionsbasis, um in der Konzernzentrale entwickelte Modelle in Serie zu fertigen. Dieses Modell wandelt sich grundlegend. GM, Volkswagen und Renault übertragen die Fahrzeugentwicklung zunehmend an chinesische Ingenieure und profitieren dabei vom wachsenden Vorsprung des Landes bei Schlüsseltechnologien wie Elektroantrieben und fortschrittlicher Software.
Zhu Yulong, ehemaliger GM-Ingenieur in China und heute unabhängiger Automobilanalyst, beschreibt den Wandel deutlich: Beim Electra lägen „die Produktdefinition und die technologische Roadmap zum ersten Mal fest in den Händen des China-Teams". Die Konsequenz: Die Konzernzentrale treffe nicht mehr alle Entscheidungen.
Der neue Buick basiert auf der sogenannten Xiao-Yao-Plattform, die von Ingenieuren des Pan Asia Technical Automotive Centre (PATAC) von SAIC-GM in Shanghai entwickelt wurde. Das Zentrum beschäftigt laut SAIC-GM rund 3.000 Mitarbeiter. Der Name Xiao Yao entstammt einem daoistischen Begriff und bedeutet so viel wie „Freiheit von Lasten" – ein symbolisch passender Name für eine Plattform, die den Konzern von veralteten Strukturen befreien soll.
Technologischer Vorsprung gegenüber Detroit
Die Xiao-Yao-Plattform bietet Funktionen, die bei in Detroit entwickelten GM-Modellen bislang nicht verfügbar sind: ein 900-Volt-Schnellladesystem, einen Plug-in-Hybrid-Antrieb sowie eine laut SAIC-GM marktführende Kraftstoffeffizienz. Zum Vergleich: Die bisherige Ultium-Plattform aus Detroit, die in früheren Optiq-Modellen verbaut wurde, verzeichnete schleppende Verkaufszahlen in China.
Die Verlagerung von Forschung und Entwicklung nach China ist kein Einzelfall. Pedro Pacheco, Vice President of Research beim Analystenhaus Gartner, erklärt den Trend so: „Traditionelle Automobilhersteller sind Fertigungsunternehmen, die versuchen, sich an eine Technologiewelt anzupassen. Sie sind dorthin gegangen – nach China –, wo sie wissen, dass sie Technologietalente finden werden."
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Zur AktienanalyseAuch andere Hersteller folgen diesem Weg. Das Technikzentrum von Renault in Shanghai hat den Twingo E-Tech Compact entwickelt, der in Europa hergestellt und verkauft wird. Die Volkswagen-Tochter Audi hat Pläne für ein eigenes Forschungs- und Entwicklungszentrum in China angekündigt. Selbst der südkoreanische Hersteller Hyundai, der trotz anhaltender Absatzschwäche im chinesischen Markt weiter investiert, plant, China zu einem Zentrum für Forschung, Entwicklung und Export auszubauen.
Globale Reichweite chinesischer Innovationen
Was früher ausschließlich für den chinesischen Heimatmarkt gedacht war, findet nun zunehmend den Weg in globale Modellreihen. Führungskräfte und Analysten bestätigen, dass in China entwickelte Technologien immer häufiger für den weltweiten Einsatz angepasst werden. Für deutsche Privatanleger und Beobachter der Automobilbranche ist dieser Strukturwandel von erheblicher Bedeutung: Die Innovationsachse in der globalen Fahrzeugentwicklung verschiebt sich spürbar in Richtung Asien.


