Chipbranche im Paradox: Rekordgewinne, aber fallende Aktienkurse
Samsung meldet 19-fachen Gewinnsprung – die Aktie fällt trotzdem um 10 Prozent. Was steckt hinter diesem Widerspruch?

Samsung prognostizierte jüngst einen Gewinnanstieg im zweiten Quartal um das 19-Fache im Vergleich zum Vorjahr. Nicht 19 Prozent – das 19-Fache. Die Reaktion des Marktes: Der Aktienkurs brach um 10 Prozent ein. Dieses scheinbar paradoxe Verhalten ist kein Einzelfall in der Halbleiterbranche, sondern ein strukturelles Muster, das Anleger kennen sollten.
Ähnliches spielte sich beim US-amerikanischen Speicherchiphersteller Micron ab. Das Unternehmen verkündete einen 15-fachen Anstieg des Quartalsgewinns. Die Aktie stieg zunächst um 15 Prozent auf 124 US-Dollar – und notierte zwei Wochen später bei nur noch 94,80 US-Dollar. Fulminante Zahlen, ernüchternde Kursreaktion.
Zyklische Branche mit langer Geschichte
Die Halbleiterindustrie gilt als eine der zyklischsten Branchen überhaupt. Auf Boomphasen folgten bisher stets Einbrüche – ein Muster, das sich über Jahrzehnte wiederholt. Micron-Chef Sanjay Mehrotra argumentierte, dass der aktuelle KI-Boom diesen Zyklus durchbrechen könnte, da die Nachfrage nach schnelleren Speicherchips strukturell gestiegen sei. Der Markt zeigt sich bislang skeptisch.
Ein Blick auf den Aktienkurs von Micron über 15 Jahre verdeutlicht die Zyklik eindrücklich. Die besten Kaufzeitpunkte lagen im Februar 2016 bei 10 US-Dollar, im Mai 2019 bei 32 US-Dollar und im Dezember 2022 bei 52 US-Dollar. In den Jahren 2016 und 2022 waren die erwarteten Gewinne sogar negativ – das Kurs-Gewinn-Verhältnis war rechnerisch unendlich. Im Jahr 2019 lag es beim 13-Fachen.
Umgekehrt waren die besten Verkaufszeitpunkte im Mai 2018 bei 57 US-Dollar mit einem KGV von 4,6 und im Dezember 2021 bei 91 US-Dollar mit einem KGV von 11,6. Die Schlussfolgerung ist kontraintuitiv, aber logisch: Bei hochzyklischen Unternehmen sehen die Kurs-Gewinn-Verhältnisse niedrig aus, wenn man verkaufen sollte – und hoch oder unendlich, wenn ein Kauf sinnvoll wäre.
Überkapazitäten als strukturelles Risiko
Ein weiteres Risiko ist der Aufbau von Überkapazitäten. Bereits um das Jahr 2005 gab es massive Überkapazitäten bei Flash-Speichern, nachdem ein Nachfrageboom durch Smartphones und Digitalkameras die Hersteller zu aggressiven Investitionen verleitet hatte. Die Preise fielen so stark, dass sie zeitweise unter dem Niveau von DRAM-Speichern lagen – der älteren, günstigeren Speicherart für Laptops.
Samsung wird in der Branche oft so wahrgenommen, als baue das Unternehmen überschüssige Flash-Speicherkapazitäten auf, möglicherweise um Marktanteile zu gewinnen – auf Kosten der Gewinnmargen. SK Hynix hat zuletzt 28 Milliarden US-Dollar durch die Platzierung von American Depositary Receipts eingesammelt, um einen massiven Kapazitätsausbau zu finanzieren. Das weckt Erinnerungen an frühere Zyklen.
Für deutsche Anleger ist zudem relevant: Samsung und SK Hynix machen jeweils rund 8 Prozent des MSCI Emerging Markets Index aus, während Taiwan Semiconductor (TSMC) weitere 15 Prozent beisteuert. Wer in breit gestreute Schwellenländer-ETFs investiert, ist damit stark in drei hochkorrelierte Halbleiteraktien engagiert – oft ohne es zu wissen.
Geschäftsjahresende als stille Kennzahl
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Zur AktienanalyseEin weiterer Aspekt fällt beim Blick auf Micron auf: Das Unternehmen hat den September als Geschäftsjahresende gewählt, während die meisten Unternehmen den Dezember bevorzugen. Da der Großteil der US-Elektronikgüter rund um Thanksgiving und den Black Friday verkauft wird, liefert Micron seine Chips bereits Wochen vorher an die Hersteller aus. Zum Geschäftsjahresende weist das Unternehmen damit tendenziell geringere Lagerbestände, höhere Barmittel und ein niedrigeres Working Capital aus als im Jahresdurchschnitt. Das tatsächliche finanzielle Risiko könnte ohne detaillierte Analyse höher sein als wahrgenommen.
KI-Boom oder Wiederholung des Jahres 2000?
Die entscheidende Frage lautet: Hält der KI-Boom lange genug an, um die massiven Kapazitätsinvestitionen zu rechtfertigen? Sollten die KI-Hyperscaler – also die großen Abnehmer dieser Chips – ihre Umsätze nicht ausreichend steigern, um die Investitionen zu finanzieren, könnte der Boom schnell in einen Einbruch umschlagen. Der Markt fordert derzeit mehr Substanz hinter der KI-Story, bevor er weitere Mittel bereitwillig bereitstellt.
Erfahrene Beobachter erinnern sich an das Jahr 2000: Damals verlagerte sich das Anlegerinteresse nach dem Höhepunkt der Internetportal-Aktien auf Netzwerkausrüster wie Cisco. Als auch diese aufhörten, neue Höchststände zu erreichen, war der Boom vorbei. Ob sich die Geschichte wiederholt, bleibt offen – die Parallelen sind jedoch unübersehbar.


