Destiny 2: Was passiert, wenn ein Online-Spiel stirbt?
Bungie stellt neue Inhalte für Destiny 2 ein – und zeigt damit den Wandel der gesamten Live-Service-Spielebranche.

Am 17. März 2023 strömten Tausende Spieler des Online-Shooters Destiny 2 zum zentralen Turm des Spiels, um vor dem Charakter Commander Zavala niederzuknien. Der Grund: Der Schauspieler Lance Reddick, der dieser Figur jahrelang seine Stimme geliehen hatte, war verstorben. Spontan organisierten die Spieler improvisierte Mahnwachen – ein Zeichen des Respekts für einen wichtigen Teil ihres Gaming-Lebens.
Dieser Moment zeigte eindrucksvoll, dass Destiny 2 weit mehr als ein virtueller Raum war, in dem Menschen auf Aliens schossen. Es war ein Ort, an dem Beziehungen entstanden, Gemeinschaften geformt wurden und Menschen miteinander trauerten. Nun, drei Jahre später, trauern die Spieler um das Spiel selbst.
Nach neun Jahren regelmäßiger Updates hat Entwickler Bungie angekündigt, dem Spiel keine neuen Inhalte mehr hinzuzufügen. Destiny 2 wird zwar nicht vollständig abgeschaltet, doch ohne neue Inhalte wird die Nutzerbasis unweigerlich schrumpfen. Das wirft eine grundlegende Frage auf: Wie fühlt es sich an, wenn das virtuelle Zuhause, in das man Hunderte oder gar Tausende von Stunden investiert hat, aufhört zu existieren?
Ein Pionier des Live-Service-Modells
Destiny wurde 2014 von Bungie veröffentlicht – dem Studio, das zuvor die beliebte Sci-Fi-Serie Halo erschaffen hatte. Das Konzept war originell: Es verband die beständigen, sozialen Welten von Massively Multiplayer Online Games mit dem packenden Gunplay eines First-Person-Shooters. Das erste Spiel war ein Riesenerfolg und generierte mehr als 500 Millionen US-Dollar an Umsatz. Es zog selbst jene in seinen Bann, die zuvor noch nie online gespielt hatten.
2017 erschien Destiny 2, das noch profitabler war. Statt eine weitere Fortsetzung zu entwickeln, entschied sich Bungie, dieses Spiel durch regelmäßige Updates am Leben zu erhalten. Der Höhepunkt des Spiels lag nach Meinung der Community etwa zwischen 2018 und 2022. Die 2024 erschienene Erweiterung The Final Shape, die eine jahrzehntelange Erzählweise abschloss, wurde von der Spielergemeinschaft gut aufgenommen.
Destiny 2 ist ein sogenanntes „Live-Service"-Spiel – darauf ausgelegt, kontinuierlich aktualisiert zu werden und einen stetigen Fluss finanzieller Investitionen von den Nutzern zu generieren. Aus geschäftlicher Sicht liegt der Reiz auf der Hand: Da die Entwicklungskosten für Spiele explodiert sind, ist es attraktiv, so viel wie möglich aus einem einzigen Produkt herauszuholen. Fortnite hat bewiesen, wie lukrativ dieses Modell sein kann – das Spiel spielt Milliarden von US-Dollar pro Jahr ein.
Was Spieler verlieren, wenn ein Spiel stirbt
Live-Service-Spiele haben durchaus Schattenseiten: zynische Monetarisierungsstrategien und zeitraubende Inhalts-Updates gehören zu den häufigsten Kritikpunkten. Dennoch bieten diese Spiele auch den Nervenkitzel einer lebendigen Welt, die sich ständig verändert. Spieler investieren in einen einzigen Charakter, folgen einer sich entwickelnden Geschichte, werden Teil einer Gemeinschaft und nehmen eine virtuelle Identität an. Oft loggen sich Menschen schlicht ein, um Zeit mit Freunden zu verbringen.
Wenn ein Online-Spiel stirbt, verlieren Spieler daher nicht nur einen virtuellen Raum. Sie verlieren auch einen Teil ihrer selbst: einen Charakter mit Titeln, Outfits und Freunden sowie Screenshots von Lieblingsmomenten, die den Desktop wie alte Familienalben füllen. Die zahlreichen online geposteten Nachrufe zeigen deutlich, dass die Spieler trauern.
Die Anhänger von Destiny 2 können sich immerhin glücklich schätzen, dass Bungie das Spiel vorerst aktiv lässt. Andere Online-Spiele wurden komplett abgeschaltet. Als Star Wars Galaxies im Jahr 2011 eingestellt wurde, versammelten sich Spieler in den letzten Momenten, schossen Feuerwerk in den virtuellen Himmel und warteten gemeinsam auf den Moment des Vergessens. Mehr als 50 Online-Spiele wurden allein in diesem Jahr bereits abgeschaltet.
Kampf um den Erhalt von Spielen
Einige Spieler wehren sich aktiv gegen das Abschalten ihrer geliebten Spiele. Die globale Verbraucherschutzgruppe „Stop Killing Games" führt Kampagnen durch, um Möglichkeiten zu schaffen, damit Spieler Online-Spiele auf eigenen privaten Servern weiterbetreiben können – selbst wenn die Entwickler sie abschalten. Die Gruppe hat massive Petitionen organisiert und das Thema sowohl im britischen Parlament als auch in der Europäischen Kommission zur Sprache gebracht, wobei sie offenbar gewisse Fortschritte erzielt.
Das Ende von Destiny 2 markiert einen breiteren Wandel in der gesamten Spielebranche. Viele Entwickler haben im letzten Jahrzehnt versucht, auf das Live-Service-Modell umzustellen – doch der Wettbewerb ist hart, und an der Spitze gibt es verschwindend wenig Platz. Sony plante ursprünglich, bis 2025 zwölf Live-Service-Spiele in Betrieb zu haben, verzeichnete jedoch nur mit Helldivers 2 einen einzigen Erfolg. Zwei große Markteinführungen – Concord und Highguard – wurden innerhalb weniger Monate nach dem Start wieder eingestellt, ohne je eine stabile Nutzerbasis aufgebaut zu haben.
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Bungies eigene Zukunft wirkt dabei ungewiss. Das Spiel brachte nicht mehr genug ein, um den derzeitigen Eigentümer Sony zufriedenzustellen. Anfang des Jahres brachte das Studio Marathon auf den Markt – einen Online-Shooter, von dem man sich erhoffte, er könne den Platz von Destiny 2 als langfristiges Live-Service-Spiel einnehmen. Doch Analysten deuten darauf hin, dass das Spiel nicht gut genug abgeschnitten hat, um sich als feste Größe zu etablieren. Eine Entlassungswelle traf zuletzt den Großteil des Destiny 2-Teams – ein verheerender Verlust an Talenten.
Was bleibt, zumindest vorerst, ist Destiny 2 selbst – ein Denkmal für die Live-Service-Ära, auch wenn diese zu verblassen beginnt. Das letzte Update des Spiels trägt passenderweise den Titel „Monument of Triumph" und hinterließ das Spiel in einer polierten Form, bevor es für immer in der Zeit einfriert. Diese Online-Welten sind bemerkenswert, weil sie lebendig sind. Und weil sie leben, müssen sie zwangsläufig einem Wandel unterliegen, verfallen – und schließlich aufhören zu existieren.


