Deutsche Bahn: Palla geißelt „organisierte Verantwortungslosigkeit" im Konzern
Bahnchefin Evelyn Palla rechnet mit der alten Führungskultur ab und fordert einen grundlegenden Wandel im Management.

Evelyn Palla macht keinen Hehl aus ihrer Kritik an der eigenen Organisation. Die Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn hat in einem Interview mit der „Welt am Sonntag" die bisherige Führungskultur im Konzern scharf angegriffen. „Die Leistungskultur der Vergangenheit war für die Performance der Bahn nicht ausreichend, das wollen wir ändern", erklärte sie unmissverständlich. Statt Probleme zu lösen, sei im Unternehmen jahrelang mehr Energie darauf verwendet worden, diese zu erklären und zu rechtfertigen.
Palla fasste dieses Versagen in deutliche Worte: „Das war am Ende so etwas wie organisierte Verantwortungslosigkeit. Das muss der Vergangenheit angehören." Seit ihrem Amtsantritt im vergangenen Jahr hat die Bahnchefin einen umfassenden Konzernumbau angestoßen. Dieser sieht unter anderem eine schlankere Zentrale sowie eine stärkere Verlagerung von Verantwortung in dezentrale Einheiten vor.
Umbau allein reicht nicht – Management muss sich wandeln
Palla betont jedoch, dass strukturelle Maßnahmen allein nicht ausreichen. „Wir haben viele Ebenen in der Verwaltung gestrichen. Aber das allein macht noch keine bessere Bahn", sagte sie. Entscheidend sei, dass das Management die übertragene Verantwortung in den dezentralen Einheiten auch tatsächlich wahrnehme und lebe. Die Chefin stellt dabei klare Erwartungen an die Führungsriege – und beginnt bei sich selbst: „Leistung beginnt ganz oben – zuerst bei mir selbst. Dann beim Konzernvorstand. Wir sind die erste Ebene, die das verkörpern und vorleben muss."
Diese Aussagen sind bemerkenswert offen für eine Konzernlenkerin eines der größten deutschen Staatsunternehmen. Die Deutsche Bahn steht seit Jahren in der öffentlichen Kritik – nicht zuletzt wegen chronischer Verspätungen und Zugausfällen, die Millionen von Pendlern und Reisenden täglich betreffen.
Pünktlichkeit bei knapp 59 Prozent – Ziel verfehlt
Die nüchternen Zahlen untermauern Pallas Selbstkritik. Im ersten Halbjahr kamen lediglich 58,7 Prozent der Fernzüge pünktlich ans Ziel. „Das ist kein guter Wert. Da müssen wir auch nichts beschönigen", räumte die Bahnchefin ein. Immerhin: In drei Vierteln der Verspätungsfälle lag die Verzögerung unter 15 Minuten. Dennoch verfehlt die Bahn damit ihr selbst gestecktes Ziel von mindestens 60 Prozent Pünktlichkeit für das laufende Jahr.
Zum Verständnis der Statistik: Als verspätet gilt ein Fernzug bei der Deutschen Bahn bereits ab einer Verzögerung von sechs Minuten. Zugausfälle fließen in die betriebliche Pünktlichkeitsquote hingegen nicht ein – ein Umstand, der die Aussagekraft der Kennzahl einschränkt und regelmäßig für Kritik sorgt.
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Zur AktienanalysePalla mahnt dennoch zur Differenzierung. „Auch wenn wir insgesamt noch nicht zufrieden sind, dürfen wir die Deutsche Bahn nicht immer schlechter reden, als sie ist", sagte sie. Auf einer Schulnotenskala würde sie dem Unternehmen bei der Zuverlässigkeit eine 4 minus geben – in der Gesamtbewertung jedoch eine 3. Ihre Begründung: „Wir werden oft nur an der Pünktlichkeit im Fernverkehr gemessen, das ist aber nur das halbe Bild."
Für Anleger und Beobachter des deutschen Infrastruktursektors bleibt die Frage, ob der eingeleitete Kulturwandel bei der Deutschen Bahn tatsächlich greift – und ob die gesteckten Pünktlichkeitsziele in der zweiten Jahreshälfte noch erreichbar sind.


