Deutschland fehlt der Nachwuchs in der Ausbildung
Betriebe kämpfen mit Abbrüchen, Lehrermangel, geringen Löhnen und überfüllten Berufsschulen

In einem kleinen Dorf südlich von Berlin schleift ein 17-jähriger Auszubildender an einer alten Tür, die bald wieder in neuem Glanz erstrahlen soll. Für Jannes war von Beginn an klar, dass er einen handwerklichen Beruf ergreifen will. Während er in der Werkstatt steht und Holzspäne von der Hose klopft, wird deutlich, dass sein Weg heute keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Immer weniger junge Menschen entscheiden sich für eine Ausbildung, und die Folgen sind bereits sichtbar.
Das duale Ausbildungssystem hat Deutschland jahrzehntelang Fachkräfte gesichert und galt international als Vorzeigemodell. Doch mittlerweile zeigen sich gravierende Brüche. Fast ein Drittel aller Auszubildenden bricht seine Lehre vorzeitig ab, und viele Unternehmen finden keine geeigneten Bewerber. Laut der Deutschen Industrie- und Handelskammer blieben 2024 rund 25.000 Betriebe unbesetzt – vor allem in Branchen wie Industrie, Gastronomie, Baugewerbe oder Einzelhandel. Besonders drastisch ist die Lage dort, wo traditionelle Ausbildungsberufe auf dem Rückzug sind und die digitale Transformation zu langsam aufgegriffen wird.
Auch demografische Entwicklungen verschärfen die Situation. Die Bevölkerung altert, während die Zahl junger Menschen sinkt. Damit wächst der Bedarf an qualifizierten Fachkräften, vor allem im Handwerk. Gleichzeitig ziehen viele Jugendliche ein Studium einer Lehre vor. Während 1950 noch auf 100 Studenten 755 Auszubildende kamen, sind es heute nur noch 43. Für Betriebe wie die Tischlerei von Jannes’ Chef bedeutet das: Gesucht wird Personal, gefunden wird kaum jemand.
In den Berufsschulen zeigt sich ein weiteres Problem. Die Klassen sind überfüllt, die Leistungsunterschiede zwischen den Schülern enorm. Neben Hauptschulabgängern sitzen dort Abiturienten oder sogar ehemalige Studenten. Hinzu kommen Sprachbarrieren bei Nicht-Muttersprachlern. Lehrer berichten, dass es kaum möglich sei, allen Schülern gerecht zu werden. Gleichzeitig hinken die Lehrpläne hinterher, da neue Ausbildungsordnungen oft erst Jahre nach ihrer Entwicklung umgesetzt werden.
Auch finanzielle Aspekte schrecken ab. Während Auszubildende in tarifgebundenen Betrieben im Schnitt 900 Euro verdienen, sind es in kleineren Unternehmen häufig nur 500 Euro. Manche Firmen versuchen, mit Zusatzleistungen wie der Finanzierung des Führerscheins zu locken. In strukturschwachen Regionen behindern zudem schlechte Verkehrsanbindungen den Zugang zu Berufsschulen.
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Zur AktienanalyseDie Wirtschaft reagiert mit Forderungen nach grundlegenden Reformen. Unternehmen wie Altech in der Lausitz setzen auf Modelle wie eine Vier-Tage-Woche bei vollem Lohn, um Anreize zu schaffen. Doch Experten warnen, dass ohne schnelle Maßnahmen das Ausbildungssystem die Fachkräfte für zentrale Zukunftsprojekte nicht bereitstellen kann. Für den geplanten Ausbau der Infrastruktur, der Milliardeninvestitionen umfasst, fehlen die Menschen, die das notwendige Wissen mitbringen.
Deutschland steht damit vor einer entscheidenden Frage: Wie lassen sich junge Menschen wieder für die Ausbildung gewinnen, damit die Betriebe nicht leer ausgehen und das Fundament der Wirtschaft nicht erodiert?


