Die 4-Prozent-Regel im Rentenalter: Hält sie Stagflation stand?
Ein bewährter Leitfaden für Rentenentnahmen gerät durch Stagflation, Marktvolatilität und sinkende Kaufkraft unter Druck.

Die sogenannte 4-Prozent-Regel gilt seit Jahrzehnten als Goldstandard für Rentner, die ihr angespartes Kapital schrittweise auflösen wollen. Doch angesichts drohender Stagflation – ausgelöst durch Ölpreisschocks, schleppendes Wachstum und hohe Inflation – stellt sich die Frage: Ist diese Faustregel noch tragfähig?
Der US-Finanzberater William Bengen entwickelte die Regel im Jahr 1994. Das Prinzip ist denkbar einfach: Im ersten Jahr des Ruhestands entnimmt man 4 Prozent des angesparten Kapitals. In jedem weiteren Jahr wird die Entnahme des Vorjahres um die Inflationsrate angepasst. Theoretisch soll dieses Modell Rentner für die nächsten 30 Jahre finanziell absichern.
Für viele Privatanleger, die nach Jahrzehnten des Vermögensaufbaus nun in die sogenannte Entsparphase eintreten, klingt das verlockend einfach. Die größte Angst dieser Gruppe: das Geld könnte vor dem Lebensende aufgebraucht sein. Gleichzeitig wollen sie nicht unnötig sparsam leben und auf Lebensqualität verzichten.
Die Regel im Stresstest
Ein konkretes Rechenbeispiel verdeutlicht die Funktionsweise: Ein Fonds von 500.000 Britischen Pfund würde im ersten Rentenjahr eine Entnahme von 20.000 Pfund ermöglichen. Werden die Folgejahres-Entnahmen um jährlich 2 Prozent erhöht – in der Annahme, dass die Inflation dauerhaft auf diesem Niveau bleibt – zeigt sich das Modell erstaunlich robust.
Selbst bei einer schwachen jährlichen Nettoportfoliorendite von nur 3 Prozent nach Kosten würde der Fonds erst im 29. Jahr auf null sinken. Da ein typischer Ruhestand etwas mehr als 20 Jahre dauert, ist das ein solides Ergebnis. Bei höheren Renditen blieben sogar beträchtliche Mittel übrig: Ein Rentner, dessen Portfolio eine Nettorendite von 5 Prozent pro Jahr erzielte, würde nach drei Jahrzehnten noch über 400.000 Pfund besitzen.
Stagflation als entscheidende Belastungsprobe
Die eigentliche Herausforderung liegt in einem Stagflationsszenario. Stagflation bezeichnet eine wirtschaftliche Phase, die durch gleichzeitig schwaches Wachstum, hohe Inflation und ausgeprägte Marktvolatilität gekennzeichnet ist. In einem solchen Umfeld werden Anlagerenditen gedrückt, während die Kaufkraft des entnommenen Geldes rapide sinkt.
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Zur AktienanalyseGenau diese Kombination ist es, die die 4-Prozent-Regel unter extremen Druck setzt. Wenn Portfoliorenditen dauerhaft niedrig bleiben und die Inflation gleichzeitig die Entnahmen nach oben treibt, kann das Kapital deutlich schneller aufgezehrt werden als in normalen Marktphasen.
Für deutsche Privatanleger ist dieses Szenario besonders relevant. Die Erfahrungen mit Inflation sind hierzulande historisch tief verwurzelt, und die jüngsten Preissteigerungen der vergangenen Jahre haben das Bewusstsein für Kaufkraftverluste erneut geschärft. Wer heute in die Rentenplanung einsteigt oder kurz vor dem Ruhestand steht, sollte die 4-Prozent-Regel daher nicht als unumstößliche Wahrheit, sondern als Ausgangspunkt für eine individuelle Planung betrachten.
Die Debatte um die Entnahmestrategie im Ruhestand ist keine akademische Übung. Sie betrifft Millionen von Menschen, die nach einem langen Arbeitsleben finanzielle Sicherheit und Würde im Alter anstreben – und die richtige Balance zwischen Ausgeben und Bewahren finden müssen.


