Downing Street ruft Private-Equity-Chefs wegen Londoner Börsenflaute
Die britische Regierung drängt große Private-Equity-Firmen, ihre Portfoliounternehmen in London statt in New York zu listen.

Das Finanzministerium und Downing Street haben in den vergangenen zwei Monaten führende Private-Equity-Gesellschaften zu Gesprächen einbestellt. Ziel ist es, die anhaltende Flaute bei Börsengängen an der London Stock Exchange (LSE) zu überwinden. Die Regierung will herausfinden, warum britische Portfoliounternehmen ihre Erstnotiz zunehmend meiden oder ins Ausland verlagern.
Zu den Firmen, die sich mit Ministern und Regierungsberatern getroffen haben, gehören Hg Capital, Clayton Dubilier & Rice, General Atlantic, CVC, EQT und Elliott. Die Gespräche konzentrierten sich laut Teilnehmern auf die Stempelsteuer, die Rentenreform sowie Vergleiche mit anderen europäischen Ländern wie Schweden, die verstärkt Investitionen in heimische Aktien fördern. Eine anwesende Person bezeichnete es als „gutes Zeichen, dass die Regierung Vorschläge anhört, wie sie wettbewerbsfähiger werden könnte".
Dramatisches Ungleichgewicht: Übernahmen überwiegen Börsengänge
Die Lage am Londoner Aktienmarkt ist alarmierend. In diesem Jahr sind lediglich sieben Unternehmen in London an die Börse gegangen. Gleichzeitig rollt eine Rekordwelle von Übernahmen über den Markt hinweg: Der Wert der Gebote für Londoner Firmen übersteigt den Wert der Neuzugänge im Verhältnis 27 zu 1, wie die Financial Times kürzlich berichtete. Für Private-Equity-Gesellschaften ist ein Börsengang klassischerweise der bevorzugte Ausstiegsweg aus investierten Unternehmen – doch dieser Weg wird in London zunehmend gemieden.
Konkrete Kandidaten für einen möglichen Londoner Börsengang gibt es durchaus. Zum Portfolio von EQT gehören die Tierarztkette IVC Evidensia und der Cyber-Versicherer CFC, für beide wird ein IPO im nächsten Jahr erwartet. Elliott besitzt die Buchhandelskette Waterstones, die an einem Börsengang arbeitet, aber weder den Zeitpunkt noch die Wahl zwischen London und New York finalisiert hat. Hg Capital ist Eigentümer des Softwareunternehmens Visma, von dem man sich Anfang des Jahres erhoffte, es könne eine Renaissance der Londoner Börsennotierungen einleiten – bevor ein Einbruch am Technologiemarkt diese Ambitionen stoppte.
Stempelsteuer im Fokus: 4,3 Milliarden Pfund auf dem Spiel
Ein zentrales Streitthema ist die britische Stempelsteuer auf Aktien, die jährlich 4,3 Milliarden Britische Pfund einbringt. Befürworter einer Abschaffung in der City of London argumentieren, dass die Abgabe Privatanleger und Hedgefonds benachteiligt, die für Investitionen in britische Aktien zahlen müssen, nicht aber für ausländische. Infolgedessen würden britische Pensionsfonds dazu animiert, ihr Kapital anderweitig zu investieren.
Innerhalb des Finanzministeriums gibt es einen anhaltenden Streit über eine mögliche Abschaffung der Steuer. Es wächst die Sorge, dass weitere Unternehmen dem Beispiel von AstraZeneca folgen und ihre Aktien direkt in New York notieren könnten, um die Steuer zu umgehen. Die LSE hat dem Finanzministerium bereits eine Liste mit 20 Unternehmen vorgelegt, die ihre Erstnotiz nach New York verlagern könnten – darunter so prominente Namen wie Unilever, Shell, Smith & Nephew und sogar die London Stock Exchange Group selbst. Ein solcher Schritt könnte zu einem Verlust an Stempelsteuereinnahmen in Höhe von 2 Milliarden Britischen Pfund führen.
Eine mit der Situation vertraute Person beschrieb die Lage im Finanzministerium als Konflikt zwischen zwei Lagern mit „unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Ansichten", was zu spürbaren Spannungen führe. Das Finanzministerium lehnte eine Stellungnahme zu etwaigen Unstimmigkeiten ab.
Lesen Sie alles zur aktuellen Aktie der Stunde
Erfahren Sie, worum es geht und warum sich ein genauer Blick jetzt lohnt.
Zur AktienanalyseOBR-Prognosen unter Druck
Der potenzielle Abgang weiterer FTSE-100-Unternehmen durch Übernahmen und Börsenplatzverlagerungen, kombiniert mit dem Mangel an IPOs, schürt zudem die Sorge, dass die Prognosen des Office for Budget Responsibility (OBR) verfehlt werden. Das OBR geht davon aus, dass das Finanzministerium die Einnahmen aus der Stempelsteuer bis 2030 auf 5,3 Milliarden Britische Pfund steigern wird. Der „Exodus" aus London sei bisher noch nicht als so starker Trend eingestuft worden, um ihn separat zu analysieren, so eine mit der Arbeitsweise der Behörde vertraute Person.
Die Regierung hat bereits eine Reihe von Reformen auf den Weg gebracht, um die LSE attraktiver zu machen. Dazu gehören eine vorübergehende Befreiung von der Stempelsteuer für Neunotierungen, Aktienoptionen für Direktoren sowie geringere Anforderungen an den Streubesitz, die es Unternehmensgründern ermöglichen, größere Anteile zu behalten. Das Finanzministerium verwies zudem auf erste Anzeichen einer Besserung: Seit dem 10. Januar 2025 seien in London 25,8 Milliarden Britische Pfund durch Börsengänge und Folgeemissionen aufgenommen worden.

