Europa ringt um künftige Gasstrategie
Industrie fordert Rückkehr zu russischem Gas, während Abhängigkeit von US-LNG wächst

Mehr als drei Jahre nach Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine bleibt die Energiesicherheit in Europa angespannt. Während die Vereinigten Staaten mit verflüssigtem Erdgas (LNG) halfen, den Ausfall russischer Lieferungen in der Energiekrise 2022–2023 auszugleichen, wachsen in Europa nun die Sorgen, sich einseitig von den USA abhängig gemacht zu haben. Vor dem Hintergrund verschärfter transatlantischer Handelsbeziehungen unter der Präsidentschaft Donald Trumps denken einige Unternehmen in der EU laut über eine teilweise Rückkehr zu russischem Gas nach.
Führende Vertreter europäischer Energiekonzerne, darunter Engie aus Frankreich, halten eine begrenzte Wiederaufnahme von Gasimporten aus Russland für denkbar, sollte es zu einem stabilen Frieden in der Ukraine kommen. Didier Holleaux, Vizepräsident von Engie, sieht ein mögliches Importvolumen von bis zu 70 Milliarden Kubikmetern jährlich, was etwa 20 bis 25 Prozent des europäischen Bedarfs entspräche – deutlich weniger als die 40 Prozent vor dem Krieg. Auch der Vorstandschef von TotalEnergies, Patrick Pouyanne, mahnt zur Diversifikation der Energiequellen und warnt vor einer zu starken Abhängigkeit von US-Gas.
In Deutschland, das vor dem Krieg stark auf russisches Gas setzte, ist die Diskussion besonders akut. Im Chemiepark Leuna, einem der größten Standorte dieser Branche, fordern Industrievertreter eine Rückkehr zu günstigen Gasimporten aus Russland. Christof Guenther, Geschäftsführer von InfraLeuna, betont, dass der Sektor seit fünf Quartalen in Folge Arbeitsplätze abbaue – ein beispielloser Vorgang. Auch der Geschäftsführer von Leuna-Harze, Klaus Paur, spricht sich offen für die Inbetriebnahme von Nord Stream 2 aus, um Energiekosten zu senken.
In Mecklenburg-Vorpommern, dem Bundesland, in dem die Nord-Stream-Pipeline anlandet, äußerten sich laut einer Forsa-Umfrage 49 Prozent der Bevölkerung positiv zu einer Wiederaufnahme russischer Gaslieferungen. Auf Bundesebene fordert die Industrie die Politik auf, neue Wege zu finden, um bezahlbare Energie bereitzustellen. Brandenburgs Wirtschaftsminister Daniel Keller kann sich unter bestimmten Bedingungen auch eine Wiederaufnahme russischer Öllieferungen vorstellen.
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Zur AktienanalyseGleichzeitig laufen mehrere Schiedsverfahren europäischer Unternehmen gegen Gazprom wegen nicht erfüllter Lieferverträge. Während Firmen wie Uniper und OMV bereits Milliardenentschädigungen zugesprochen bekamen, sieht Engie einen möglichen Neubeginn nur bei Einhaltung solcher Urteile. Derweil warnt die ukrainische Energiewirtschaft vor einer Rückkehr russischer Lieferungen und hofft auf eine stärkere Anbindung an den US-amerikanischen LNG-Markt.


