Europas Kampf um digitale Souveränität: Abkehr von US-Tech-Giganten
Geopolitische Spannungen treiben EU-Staaten dazu, ihre Abhängigkeit von amerikanischen Digitalkonzernen drastisch zu reduzieren.

Europäische Regierungen forcieren den Ausbau ihrer digitalen Unabhängigkeit mit beispielloser Dringlichkeit. Ein hochrangiger europäischer Minister bezeichnete digitale Souveränität gegenüber CNBC als "Frage des nationalen Überlebens". Hintergrund sind zunehmende geopolitische Spannungen mit den USA unter Präsident Donald Trump sowie verstärkte Cyberangriffe aus Russland.
US-amerikanische Cloud-Anbieter dominieren den europäischen Markt derzeit mit einem Anteil von 85 Prozent, wie Daten der Synergy Research Group belegen. Amazon, Microsoft und Google kontrollieren zusammen mehr als 70 Prozent des regionalen Cloud-Marktes. Diese massive Abhängigkeit wird von Kritikern als strategisches Sicherheitsrisiko bewertet, insbesondere vor dem Hintergrund des US-Cloud Acts von 2018, der amerikanischen Strafverfolgungsbehörden weltweiten Zugriff auf Nutzerdaten gewährt.
Frankreich hat im Januar mit Visio eine eigene Videokonferenz-Plattform vorgestellt, die bis 2027 Microsoft Teams und Zoom in allen staatlichen Diensten ersetzen soll. Die Europäische Union erkannte im gleichen Monat offiziell an, vor einem "erheblichen Problem der Abhängigkeit von Nicht-EU-Ländern im digitalen Bereich" zu stehen, das "potenziell Schwachstellen, auch in kritischen Sektoren" schaffe.
Baltische Staaten unter Druck
Estland beschleunigt sein "Open-Source First"-Prinzip aufgrund der "erhöhten Sicherheitsbedrohungen an der Ostflanke Europas". Die russische Invasion in der Ukraine hat die Befürchtung geschürt, dass baltische Staaten ins Visier geraten könnten. Ministerin Pakosta betonte: "Obwohl wir unsere technologischen Partnerschaften schätzen, schafft das alleinige Vertrauen auf geschlossene, proprietäre 'Black Box'-Lösungen eine strategische Schwachstelle."
Zahlreiche europäische Nationen gaben an, in den vergangenen Jahren Ziel russischer staatlich geförderter Cyberangriffe gewesen zu sein. Die EU beobachtete ein "absichtliches und systematisches Muster bösartigen Verhaltens, das Russland zugeschrieben wird". Estland erhöht die Investitionen zur Stärkung souveräner digitaler Fähigkeiten in seinem Staatshaushalt für 2026.
Dänemark testet Microsoft-Alternativen
Dänemark startete im Juni ein Pilotprojekt für eine Open-Source-Alternative zu Microsoft Office für ausgewählte Regierungsmitarbeiter. Digitalministerin Caroline Stage Olsen warnte: "Zu viel öffentliche digitale Infrastruktur ist derzeit an sehr wenige ausländische Anbieter gebunden. Das macht uns verwundbar." Ein Sprecher des Ministeriums relativierte jedoch und bezeichnete das Projekt als "geringfügig".
Belgiens Bundesverwaltung "bewertet ihre Abhängigkeiten im digitalen Bereich neu, beginnend mit den kritischsten Bereichen", wie ein Sprecher des Ministers für Digitalisierung mitteilte. Im November unterzeichneten alle 27 EU-Mitgliedstaaten eine Erklärung zur Stärkung der digitalen Souveränität Europas und Verringerung strategischer Abhängigkeiten.
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Die Ausgaben für souveräne Cloud-Infrastructure-as-a-Service-Plattformen in Europa werden sich bis 2027 im Vergleich zu 2025 mehr als verdreifachen und 23 Milliarden Dollar erreichen, prognostiziert das Marktforschungsunternehmen Gartner. Dies stellt einen deutlich stärkeren Anstieg dar als in Nordamerika und China.
Trotz der Bestrebungen zur Unabhängigkeit betonten viele europäische Länder, weiterhin in bestimmten Bereichen ihrer digitalen Infrastruktur mit amerikanischen Technologieunternehmen zusammenarbeiten zu wollen. Eine vollständige Ablösung US-amerikanischer Digitalsysteme aus der europäischen Technologieinfrastruktur gilt in absehbarer Zeit als unwahrscheinlich. US-Unternehmen halten mindestens 59 Prozent des Marktes für Unternehmenssoftware in der Region.


