Europas Windkraftbauer prüfen Fusionen gegen chinesische Konkurrenz
Nordex, Vestas und Co. erwägen Zusammenschlüsse, um im globalen Wettbewerb mit chinesischen Herstellern mithalten zu können.

Europas führende Windkraftanlagenbauer diskutieren offen über mögliche Fusionen, um sogenannte Branchen-Champions zu schaffen. Hintergrund ist der wachsende Druck durch chinesische Hersteller, die in Schwellenmärkten wie Lateinamerika und dem Nahen Osten zunehmend die Oberhand gewinnen – und nun auch in Europa Fuß fassen wollen.
José Manuel Entrecanales, Vorstandsvorsitzender von Acciona und größter Anteilseigner von Nordex, brachte die Debatte auf den Punkt: „Wir haben eine Reihe von Möglichkeiten – eine davon ist die Windkraft. Größe ist das Wesentliche. Wir glauben, dass Konsolidierung das einzige Mittel ist, um den Größenunterschied auszugleichen." Nordex hatte im vergangenen Jahr nach Kapazität die meisten Turbinen in Europa verkauft.
Die europäische Windkraftbranche ist nach mehreren früheren Fusionen bereits relativ konzentriert – die vier verbliebenen großen Hersteller sind Nordex, Vestas, Siemens Gamesa und Enercon. Genau das wirft die Frage auf, welche weiteren Zusammenschlüsse kartellrechtlich überhaupt noch zulässig wären.
Chinas Dominanz wächst rasant
Die Zahlen verdeutlichen das Ausmaß des Ungleichgewichts: Chinesische Hersteller wie Goldwind, Envision, Windey und Ming Yang halten 99,96 Prozent des chinesischen Marktes und installierten im vergangenen Jahr 120 Gigawatt an Windturbinen – das entspricht mehr als 70 Prozent der weltweiten Neukapazität. Europa hingegen installierte knapp unter 20 Gigawatt.
Chinas größter Turbinenhersteller Goldwind installierte im vergangenen Jahr mit 30 Gigawatt mehr als doppelt so viel Kapazität wie der europäische Marktführer Vestas aus Dänemark, der auf 14,5 Gigawatt kam. Zum ersten Mal waren im vergangenen Jahr die fünf größten Hersteller nach jährlicher Neukapazität allesamt chinesisch, wie der Branchenverband Global Wind Energy Council feststellte.
Die schiere Größe des chinesischen Heimatmarktes ermöglicht eine kostengünstigere Produktion und erlaubt es den Anbietern, internationale Konkurrenten zu unterbieten. Laut Andrea Scassola vom Beratungsunternehmen Rystad Energy sind Onshore-Windturbinen chinesischer Hersteller in Exportmärkten um 20 bis 40 Prozent günstiger als europäische Produkte. „Westliche Hersteller stehen unter Druck, weil alle Entwickler, der gesamte Markt, über die niedrigeren Kosten der chinesischen Turbinen sprechen", sagt Sander Baksjøberget, Analyst bei Rystad.
Neue EU-Fusionsrichtlinien als Wegbereiter
Im April veröffentlichte die Europäische Kommission neue Richtlinien für Fusionen und Übernahmen, die den Fokus stärker auf die Vorteile von Unternehmensgröße legen. Wettbewerbsbehörden sollen künftig Innovation, Investitionen und die Widerstandsfähigkeit des Binnenmarktes stärker gewichten. Die Richtlinien gehen auf den wegweisenden Mario-Draghi-Bericht von 2024 zurück, der auf eine Stärkung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit abzielt.
„Unternehmen in diesem Sektor werden sich definitiv auf die Richtlinien stürzen, um ihre Konsolidierungspläne voranzutreiben", sagte ein EU-Beamter. „Ob dies funktionieren wird, bleibt abzuwarten." Entrecanales selbst mahnte zur Geduld: Zunächst müsse politische Klarheit geschaffen werden, bevor es sich lohne, mit Konkurrenten zu sprechen.
Analyst William Mackie von Kepler Cheuvreux sieht einen Zusammenschluss von Vestas und Nordex als zu konzentriert an, um die Fusionsbehörden zu passieren. Ein Zusammenschluss von Siemens Gamesa und Nordex sei hingegen potenziell eher realisierbar. Florian Mahler, Partner bei Clifford Chance, argumentiert zudem, dass Konsolidierung die Ausgaben für Innovationen erhöhen könne – ein zentraler Aspekt der neuen Fusionsrichtlinien.
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Zur AktienanalyseErholung nach schwierigen Jahren
Europas Windkraftanlagenbauer sind noch immer von den schweren Verlusten des Jahres 2022 gezeichnet, als steigende Kosten und Preisdruck durch Projektentwickler die Branche in die Zange nahmen. Seitdem haben sich die Unternehmen erholt: Die Aktien von Vestas und Nordex stiegen im vergangenen Jahr um rund 40 beziehungsweise 90 Prozent. Keiner der Hersteller will diese Erholung durch einen Preiskrieg mit China gefährden.
Vestas-Chef Henrik Andersen unterstützt das Prinzip europäischer Champions „von ganzem Herzen", warnte jedoch vor kartellrechtlichen Hürden. „Wenn [Entrecanales'] Vision eines globalen Champions wahr werden soll, muss dies unter einer Ausnahmeregelung oder einer neuen Gesetzgebung geschehen", sagte er. Mit einem Augenzwinkern fügte er hinzu: „Sollten Sie mich jemals zum Tanz auffordern, tanze ich gerne mit. Aber dann muss auch eine andere Musik spielen."
Nicht alle Experten sind überzeugt, dass Größe allein die Lösung ist. „Europa sollte vorsichtig sein, Größe nicht mit Wettbewerbsfähigkeit zu verwechseln", warnte Simone Tagliapietra, Senior Fellow beim Brüsseler Think-Tank Bruegel. „Die Geschichte der europäischen Industrie legt nahe, dass Konsolidierung allein selten ein Ersatz für Innovation, Produktivität und einen echten Binnenmarkt ist." Die Debatte erinnert europäische Beamte an den Niedergang der heimischen Solarindustrie, die durch chinesische Konkurrenz weitgehend verdrängt wurde und den Block stark von Importen abhängig gemacht hat – ein Szenario, das in der Windkraft unbedingt verhindert werden soll.


