EZB beobachtet Iran-Krieg genau – Kocher sieht keine Zweitrundeneffekte
EZB-Ratsmitglied Martin Kocher sieht aktuell keine Zweitrundeneffekte des Nahost-Konflikts, warnt aber vor anhaltender Unsicherheit.

Die Europäische Zentralbank (EZB) beobachtet die indirekten Preiseffekte des US-israelischen Krieges gegen den Iran mit großer Aufmerksamkeit. EZB-Ratsmitglied und österreichischer Notenbankchef Martin Kocher erklärte in einem am Mittwoch veröffentlichten Interview mit der Börsen-Zeitung, dass die Notenbank derzeit keine sogenannten Zweitrundeneffekte des Konflikts feststelle.
„Im Moment richten wir unser Augenmerk besonders auf die indirekten Preiseffekte des Krieges im Nahen Osten und mögliche Zweitrundeneffekte. Wir sehen derzeit keine Zweitrundeneffekte, müssen unsere Geldpolitik aber auch an den Inflationserwartungen ausrichten", sagte Kocher. Zweitrundeneffekte entstehen, wenn steigende Preise – etwa durch höhere Energiekosten infolge eines Konflikts – zu höheren Lohnforderungen führen, die wiederum die Inflation weiter anheizen.
EZB bereit zu handeln
Kocher betonte die hohe Unsicherheit der aktuellen Lage. Die Intensität des Konflikts ändere sich ständig, was eine verlässliche Einschätzung der wirtschaftlichen Folgen erschwere. „Daher sind wir jederzeit bereit, geldpolitische Maßnahmen zu ergreifen, sollte dies notwendig sein", sagte der Notenbankchef.
Der Euroraum zeige sich in dieser schwierigen Phase bislang recht widerstandsfähig, so Kocher weiter. Er mahnte jedoch zur Vorsicht: Je länger der Iran-Krieg andauere, desto schwieriger werde die Situation für die Wirtschaft des Währungsraums. Die Aussage unterstreicht, dass die EZB den Konflikt nicht als kurzfristiges Phänomen abtut, sondern dessen potenziell langfristige Auswirkungen auf Preise und Konjunktur ernst nimmt.
Inflationserwartungen bleiben verankert
Ein positives Signal sendet Kocher mit Blick auf die Inflationserwartungen. Die mittel- und langfristigen Erwartungen seien weiterhin gut verankert. Dies sei ein Zeichen des Vertrauens der Märkte und der Öffentlichkeit in die Entschlossenheit der EZB-Geldpolitik, erklärte er.
Lesen Sie alles zur aktuellen Aktie der Stunde
Erfahren Sie, worum es geht und warum sich ein genauer Blick jetzt lohnt.
Zur AktienanalyseGut verankerte Inflationserwartungen gelten als zentrales Ziel der Geldpolitik. Wenn Unternehmen und Verbraucher darauf vertrauen, dass die Notenbank die Inflation mittelfristig unter Kontrolle hält, neigen sie weniger dazu, übermäßige Preis- oder Lohnerhöhungen durchzusetzen – was die Preisstabilität selbst stärkt.
Die Aussagen Kochers verdeutlichen die Gradwanderung, vor der die EZB derzeit steht: Sie muss auf geopolitische Schocks reagieren, ohne dabei die Glaubwürdigkeit ihrer Inflationsbekämpfung zu gefährden. Die Bereitschaft zu geldpolitischen Maßnahmen signalisiert Handlungsfähigkeit – ohne konkrete Schritte bereits anzukündigen.


