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EZB-Direktorin Schnabel: Zinserhöhung im Juni wird wahrscheinlicher

Isabel Schnabel hält eine Leitzinsanhebung im Juni für nötig – der Iran-Krieg treibt Inflation und belastet Konjunktur zugleich.

EZB-Direktorin Schnabel: Zinserhöhung im Juni wird wahrscheinlicher

Zinserhöhungen gehören zu den gefürchtetsten Signalen an den Finanzmärkten. Steigende Zinsen verteuern Kredite, belasten Unternehmensgewinne und machen festverzinsliche Anlagen gegenüber Aktien attraktiver. Genau deshalb bemühen sich Notenbanker stets darum, die Märkte behutsam auf geldpolitische Kurswechsel vorzubereiten – um abrupte Zinsschocks und heftige Kursverwerfungen zu vermeiden.

Die Europäische Zentralbank (EZB) arbeitet an dieser Kommunikationsaufgabe bereits seit März. Kurz nach Beginn des Iran-Krieges deuteten die Währungshüter an, dass im laufenden Jahr durchaus zwei oder mehr Zinserhöhungen möglich seien. Nun hat EZB-Direktorin Isabel Schnabel diese Signale in einem Reuters-Interview deutlich bekräftigt.

"Aus heutiger Sicht halte ich eine Zinserhöhung im Juni für nötig", erklärte die Ökonomin. Zugleich betonte sie, dass sich die EZB grundsätzlich niemals vorab festlege. Der EZB-Rat trifft seine Entscheidung über den Leitzins am 11. Juni.

Einlagezins könnte auf 2,25 Prozent steigen

Die meisten Marktbeobachter rechnen bereits mit einer Anhebung des Einlagezinssatzes von derzeit 2,00 auf 2,25 Prozent. Das wäre die erste Leitzinsänderung seit dem vergangenen Sommer und könnte einen neuen Zinserhöhungszyklus im Euroraum einläuten. Schnabels Aussagen dürften diese Erwartungen nun weiter festigen.

Als zentralen Treiber nennt die EZB-Direktorin den Ölpreisschock infolge des Iran-Krieges. Dieser arbeite sich durch die gesamte Wirtschaft und treibe die Inflation über "einen beträchtlichen Zeitraum" über das Ziel der Notenbank von 2,0 Prozent hinaus. "Selbst wenn der Krieg heute enden würde, ist der Energieinfrastruktur und den globalen Lieferketten bereits erheblicher Schaden zugefügt worden", so Schnabel. Eine geldpolitische Reaktion sei daher unausweichlich.

Die Inflation in der Eurozone lag im April bei 3,0 Prozent – einen ganzen Prozentpunkt über dem mittelfristigen EZB-Ziel. Manche Experten schließen nicht aus, dass die Teuerungsrate sogar die Marke von vier Prozent überschreiten könnte. Besonders die sogenannten Zweitrundeneffekte bereiten den Währungshütern Sorgen: Steigende Energiepreise können sich auf breite Produktkategorien ausweiten und die Inflation strukturell verfestigen.

Dilemma zwischen Inflation und Konjunktur

Die Notenbanker stecken dabei in einem klassischen Dilemma. Höhere Energiekosten treiben nicht nur die Preise, sondern bremsen gleichzeitig das Wirtschaftswachstum. "Zwar mag eine straffere Geldpolitik geboten sein, doch könnte eine solche Straffung gleichzeitig die negativen Auswirkungen des Schocks auf die Wirtschaft noch verschärfen", räumte Schnabel ein. Angesichts der Hartnäckigkeit des Inflationsschocks sei Untätigkeit jedoch keine Option mehr.

Die Konjunkturdaten unterstreichen die Brisanz der Lage. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Eurozone wuchs im ersten Quartal lediglich um 0,1 Prozent. Schnabel erwartet, dass die negativen Wachstumseffekte noch stärker ausfallen werden: "Angesichts der hohen Persistenz des Schocks gehe ich davon aus, dass auch die negativen Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum stärker ausfallen werden."

Auch Deutschland bleibt von den Folgen nicht verschont. Zwar startete die größte Volkswirtschaft Europas mit einem BIP-Wachstum von 0,3 Prozent etwas besser ins Jahr. Doch die EU-Kommission hat ihre Wachstumsprognose für Deutschland zuletzt auf 0,6 Prozent halbiert – ein deutliches Signal für die eingetrübten Aussichten.

DAX zeigt sich bislang widerstandsfähig

Der deutsche Aktienmarkt hat die trüben Zins- und Konjunkturperspektiven bisher erstaunlich gut verdaut. Starke Quartalsergebnisse und die anhaltende KI-Euphorie in den USA halfen dem DAX, seinen Einbruch nach Beginn des Iran-Krieges vollständig aufzuholen. Am Dienstag lasteten jedoch Zweifel an einer raschen Friedenslösung auf den Kursen. Der deutsche Leitindex verlor bis zum frühen Nachmittag 0,6 Prozent auf 25.240 Punkte.

Für Privatanleger bleibt die Gemengelage anspruchsvoll: Eine Zinserhöhung im Juni gilt als weitgehend eingepreist, doch die Frage nach dem weiteren Tempo des Zinserhöhungszyklus und der konjunkturellen Entwicklung im Euroraum dürfte die Märkte in den kommenden Wochen weiter beschäftigen.

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