EZB warnt: Iran-Krieg und Trump-Politik bedrohen Finanzstabilität
Die Europäische Zentralbank sieht durch den Iran-Konflikt, US-Handelspolitik und geopolitische Spannungen wachsende Risiken für das globale Finanzsystem.

Die Europäische Zentralbank (EZB) schlägt Alarm: In ihrem halbjährlichen Finanzstabilitätsbericht warnt sie eindringlich vor einer möglichen Finanzkrise, die durch den Iran-Krieg, die volatile US-Handelspolitik und den Rückzug Washingtons aus der internationalen Zusammenarbeit ausgelöst werden könnte. Das Risiko eines geopolitischen Schocks werde durch „überreizte" Bewertungen an den Vermögensmärkten und Zweifel an der Tragfähigkeit hoher Staatsschulden zusätzlich verschärft.
EZB-Vizepräsident Luis de Guindos, der Ende Mai aus dem Amt scheidet, formulierte die Warnung in seinem letzten Bericht besonders deutlich. Der Nahostkonflikt, der begann, als die USA und Israel am 28. Februar Angriffe auf den Iran starteten, stelle die Widerstandsfähigkeit des Finanzsystems „auf die Probe". „Obwohl das volle Ausmaß des Krieges zum jetzigen Zeitpunkt unklar ist, werden die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft und die Finanzstabilität umso schwerwiegender, je länger er andauert", sagte de Guindos.
Handelspolitik und geopolitische Fragmentierung als Risikofaktoren
Neben dem Iran-Krieg, der die Inflation in die Höhe treiben und das Wachstum schädigen könnte, benennt die EZB die Unberechenbarkeit der US-Handelspolitik als strukturelles Problem. „Zollankündigungen, Unterbrechungen und Kehrtwenden sind zu einem strukturellen Merkmal des globalen Umfelds geworden", heißt es im Bericht. Die Unsicherheit über die Bereitschaft der US-Regierung zur multilateralen Zusammenarbeit erhöhe das Risiko, dass politische Schocks die internationale Ordnung destabilisieren und die geoökonomische sowie regulatorische Fragmentierung weltweit vorantreiben.
Die EZB äußerte sich zudem besorgt über die wachsende Gefahr von Cyberangriffen und hybrider Kriegsführung, einschließlich Sabotage. „Hybride Bedrohungen erhöhen die Risiken für das Betriebsumfeld, insbesondere wenn sie auf kritische Infrastrukturen abzielen", warnte die Zentralbank. Neue KI-Modelle würden die Gefahr von Cyberangriffen weiter erhöhen, die „schwere und weitreichende Störungen" verursachen könnten.
In diesem Zusammenhang hatte die EZB laut einem Bericht der Financial Times Kreditinstitute der Eurozone zu einem Treffen eingeladen, um IT-Schwachstellen zu erörtern, die durch neueste KI-Modelle wie Claude Mythos Preview von Anthropic aufgedeckt wurden. De Guindos betonte dabei: „Banken müssen viel mehr in Cybersicherheit investieren; nicht nur Großbanken, auch kleine Banken können hier systemrelevant sein."
Märkte unterschätzen Abwärtsrisiken
Besonders beunruhigend ist aus Sicht der EZB die Selbstgefälligkeit der Finanzmärkte. Die Bewertungen an den Aktienmärkten seien „nach historischen Maßstäben überreizt", während die Risikoprämien für Anleihen weltweit „komprimiert" seien. „Folglich besteht ein erhebliches Risiko, dass sich die Stimmung an den Finanzmärkten verschlechtert, da Abwärtsrisiken im Zusammenhang mit geopolitischen, fiskalischen und makrofinanziellen Entwicklungen unterschätzt zu werden scheinen", erklärte die EZB.
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Zur AktienanalyseDe Guindos warnte, dass die Märkte auf eine „sehr gütliche Situation" im Nahostkonflikt setzten, die einen anhaltenden Inflationsanstieg oder Probleme bei Private Credit und Staatsanleihemärkten vermeidet. „In Kombination mit Selbstgefälligkeit könnte dies zu einem Umschwung an den Märkten führen", sagte er und bezeichnete die optimistische Anlegerstimmung als eine „bittersüße Situation".
Zusätzlich macht die EZB auf Risiken durch die Verlagerung großer Kreditvolumina weg von Banken hin zu intransparenteren Bereichen wie Private Credit aufmerksam. Sollten geopolitische Spannungen die Kreditkosten weiter in die Höhe treiben, könnten mehr Kreditnehmer Schwierigkeiten bekommen, ihre Schulden zu bedienen. Eine länger anhaltende Unterbrechung der Energieversorgung und ein deutlich schwächeres Wachstum könnten zudem eine Neubewertung des Länderrisikos durch Marktteilnehmer auslösen – ein Szenario, das durch die wachsende Präsenz preisempfindlicherer Investoren wie Hedgefonds an den Staatsanleihemärkten des Euroraums noch verstärkt werden könnte.


