Fed-Chef Warsh will Echtzeit-Wirtschaftsdaten in zwölf Monaten nutzen
Kevin Warsh legt ehrgeizigen Zeitplan vor: Die US-Notenbank soll künftig weniger auf fehleranfällige Regierungsdaten setzen.

Fed-Chef Kevin Warsh hat auf einem geldpolitischen Forum im portugiesischen Sintra einen klaren Zeitplan präsentiert: Innerhalb von neun bis zwölf Monaten soll die US-Notenbank neue Technologien einsetzen, um Wirtschaftsdaten in Echtzeit zu erfassen. Damit will er die Abhängigkeit von offiziellen Regierungsberichten deutlich reduzieren.
„Mein Ziel ist es, dass wir in neun bis zwölf Monaten neue Technologien einsetzen werden, um das Geschehen in der Realwirtschaft zeitnah und in Echtzeit zu erfassen", sagte Warsh auf dem Forum. „Dies wird uns als Zentralbanker in die Lage versetzen, bessere Entscheidungen zu treffen."
Warsh kritisierte dabei offen die bisherige Praxis der Fed. Offizielle Daten von Regierungsbehörden seien fehleranfällig, basierten auf veralteten Umfragen und hinken der tatsächlichen wirtschaftlichen Entwicklung hinterher. Er macht mangelhafte Daten und daraus resultierende Fehlentscheidungen der Fed mitverantwortlich dafür, dass die Inflation seit mehr als fünf Jahren über dem Zielwert liegt.
Taskforces sollen neue Datenquellen erschließen
Um seine Pläne umzusetzen, kündigte Warsh an, nächste Woche die Mitglieder von fünf neuen Taskforces zu benennen. Eine dieser Gruppen konzentriert sich gezielt auf die Erschließung neuer Quellen und Methoden zur Datenerhebung. Die Taskforces sollen sowohl Ideen zur Verbesserung offizieller Daten liefern als auch Wege aufzeigen, wie aktuellere Informationen über die Wirtschaft generiert werden können.
Warshs Kollegen bei der Fed sehen die Lage allerdings differenzierter. Sie betonen, dass sie bereits versuchen, sich gegen Fehlinterpretationen durch später revidierte oder veraltete Daten abzusichern, indem sie längerfristige Trends betrachten. Zudem verweisen sie auf das sogenannte Beige Book der Fed – eine regelmäßige Zusammenfassung von Befragungen bei Unternehmensleitern und Organisationen im ganzen Land –, das Echtzeitveränderungen in der Wirtschaft abbilden soll.
Warsh selbst zeigte am Mittwoch eine gewisse Zurückhaltung: Bei Fragen dazu, was die jüngsten Wirtschaftsberichte konkret für die Geldpolitik bedeuten, wich er aus – und folgte damit paradoxerweise genau dem Ansatz, den er seinen Kollegen vorwirft.
Politischer Kontext: Streit um US-Behördendaten
Warshs Initiative fällt in eine politisch aufgeladene Zeit für US-Datenbehörden. Das Bureau of Labor Statistics (BLS), eine der wichtigsten Quellen für Wirtschaftsdaten in den USA, steht vor einem Führungswechsel. US-Präsident Donald Trump hatte den vorherigen BLS-Leiter entlassen, weil dieser seiner Meinung nach „gefälschte Daten" produziert habe. Hintergrund waren umfangreiche Revisionen, die zeigten, dass das Beschäftigungswachstum deutlich schwächer ausgefallen war als ursprünglich gemeldet.
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Zur AktienanalyseTrumps Nominierung für den BLS-Chefposten, Brett Matsumoto, erklärte, er glaube nicht, dass die Daten manipuliert wurden, sieht aber Verbesserungsbedarf bei der Erhebung. Ökonomen führen das Problem teilweise auf sinkende Rücklaufquoten bei Beschäftigungsumfragen zurück, was zu späteren Revisionen führt, sobald mehr Antworten vorliegen.
Auch das Bureau of Economic Analysis (BEA) steht vor Veränderungen: Die Behörde kündigte eine Änderung bei der Erstellung bestimmter Inflationsdaten an. Es wird allgemein erwartet, dass dies im September zu Abwärtsrevisionen der entsprechenden Zahlen führen wird.
Für deutsche Anleger und Beobachter der US-Geldpolitik ist Warshs Vorstoß bedeutsam: Die Qualität der Wirtschaftsdaten, auf die sich die Fed stützt, beeinflusst direkt die Zinsentscheidungen der mächtigsten Zentralbank der Welt – und damit auch die globalen Kapitalmärkte.


