Fed-Präsident Williams warnt vor Herausforderungen durch Produktivitätswandel
John Williams von der New Yorker Fed betont, wie schwer Produktivitätsverschiebungen in Echtzeit zu erkennen sind – mit weitreichenden Folgen für die Geldpolitik.

John Williams, Präsident der Federal Reserve Bank of New York, hat auf einer Wirtschaftskonferenz im isländischen Reykjavík eindringlich auf die Schwierigkeiten hingewiesen, strukturellen wirtschaftlichen Wandel rechtzeitig zu erkennen. Insbesondere Verschiebungen beim Produktivitätswachstum seien in Echtzeit nur schwer zu identifizieren – und das bleibe eine der grundlegendsten Herausforderungen für die Wirtschaftspolitik.
Im Mittelpunkt seiner Rede stand die Frage, wie Volkswirtschaften auf Änderungen der Produktivitätswachstumsraten reagieren und welche Konsequenzen das für die Geldpolitik hat. Williams betonte, dass das Thema angesichts der aktuellen Diskussion über künstliche Intelligenz und deren potenzielle wirtschaftliche Auswirkungen besonders relevant sei.
Historische Beispiele als Warnung
Williams zog eine Reihe historischer Parallelen, um seine Argumentation zu untermauern. Er verwies auf die Verlangsamung des Produktivitätswachstums in den 1970er Jahren nach einem Vierteljahrhundert Nachkriegswachstum, eine Beschleunigung ab Mitte der 1990er Jahre sowie eine erneute Verlangsamung Mitte der 2000er Jahre. Die Produktivitätsschwäche der 1970er Jahre habe zur Stagflation beigetragen, während der Boom der späten 1990er und frühen 2000er Jahre ein wesentlicher Faktor für wirtschaftlichen Wohlstand bei gleichzeitig niedriger Inflation gewesen sei.
Besonders aufschlussreich ist dabei das, was Williams als „Erkennungsproblem" bezeichnet. Verschiebungen im Trend des Produktivitätswachstums erscheinen in der Rückschau zwar klar, doch es dauere oft Jahre, sie von normalen Datenschwankungen zu unterscheiden. Das jährliche Produktivitätswachstum schwankt laut den von Williams zitierten Daten zwischen minus 2% und 7%, verglichen mit einem langfristigen Durchschnitt von knapp über 2%.
In den 1970er Jahren seien die Schätzungen des Trend-Produktivitätswachstums durch den Rat der Wirtschaftsberater über den größten Teil des Jahrzehnts hinweg allmählich zurückgegangen – und dann 1979, viele Jahre nach Beginn der Verlangsamung, stark eingebrochen. Dieses Muster habe sich Mitte der 1990er und Mitte der 2000er Jahre wiederholt.
Modelle zeigen dramatische Auswirkungen
Williams erläuterte, dass die makroökonomischen Folgen einer allmählichen Erkennung tiefgreifend seien. Standardmäßige ökonomische Theorien sagen voraus, dass ein Anstieg des Trend-Produktivitätswachstums die Realzinsen in die Höhe treibt und einen Konjunkturabschwung verursacht – mit sinkenden Arbeitsstunden, Investitionen und Produktion. Diese Vorhersagen stünden jedoch im Widerspruch zur realen Erfahrung, in der Perioden hohen Produktivitätswachstums typischerweise mit einer starken Wirtschaft und erhöhten Investitionen einhergehen.
Modellsimulationen auf Basis des dynamischen stochastischen allgemeinen Gleichgewichtsmodells der New Yorker Fed zeigen, dass die Einbeziehung einer allmählichen Erkennung die Vorhersagen dramatisch verändert. Wenn sich die Trendproduktivität beschleunigt, die wirtschaftlichen Akteure dies aber nur schrittweise wahrnehmen, interpretieren sie den Anstieg zunächst primär als eine einmalige Verschiebung, die sich nicht wiederholen wird.
Ein Anstieg des Produktivitätswachstums reduziere zudem die Kosten für Unternehmen, was zu einem Abwärtsdruck auf die Inflation beitrage – solange bis sich Preise und Löhne vollständig angepasst haben. Wie stark und wie lange dieser Effekt anhält, hänge davon ab, wie schnell Unternehmen und Haushalte die Verschiebung erkennen.
Lesen Sie alles zur aktuellen Aktie der Stunde
Erfahren Sie, worum es geht und warum sich ein genauer Blick jetzt lohnt.
Zur AktienanalyseHohe Unsicherheit bleibt bestimmend
Williams schloss mit einem nüchternen Fazit: Die Identifizierung strukturellen Wandels in Echtzeit sei außerordentlich schwierig. Erwartungen an künftiges Wachstum neigen dazu, sich nur allmählich an Änderungen des zugrunde liegenden Produktivitätswachstums anzupassen. Verschiebungen im Produktivitätswachstum seien relativ selten und von Natur aus mit hoher Unsicherheit behaftet – die entsprechenden Schätzungen weisen laut Williams große Konfidenzintervalle auf.
Für die Geldpolitik bedeutet das eine strukturelle Herausforderung: Notenbanker müssen Entscheidungen treffen, ohne mit Sicherheit zu wissen, ob eine beobachtete Produktivitätsveränderung ein dauerhafter Trend oder lediglich ein temporäres Rauschen in den Daten ist.


