Fed-Unsicherheit: Anleger setzen auf Unternehmensgewinne als Marktstütze
Ohne klare Signale der US-Notenbank rücken starke Quartalsergebnisse und KI-Investitionen in den Fokus der Investoren.

NEW YORK – Anleger stehen vor einer weiteren Woche voller bekannter Unsicherheiten: Zinssätze, Inflation und geopolitische Spannungen prägen das Marktumfeld. Doch eine robuste Berichtssaison gibt vielen Investoren Halt – und das in einem Moment, in dem die US-Notenbank Federal Reserve kaum neue Orientierung liefert.
„Das Hauptthema wird weiterhin die Federal Reserve sein", sagte Shawn Snyder, Wirtschaftsstratege bei Potomac Fund Management. Er sieht das Jackson-Hole-Symposium vom 27. bis 29. August als nächste wichtige Gelegenheit für die Währungshüter, Klarheit über ihre Einschätzung von Inflation und Wachstum zu schaffen. „Wenn man sich nicht an der Fed orientieren kann, muss man sich zunehmend an den Gewinnen orientieren."
Für Anleger wie Snyder steht dabei weniger ein konkretes Zinssignal im Vordergrund, sondern die Frage, ob die Notenbank nach widersprüchlichen Botschaften einen glaubwürdigen Rahmen formulieren kann. Diese Unsicherheit hält die Märkte in starker Abhängigkeit von den realen Renditen der US-Staatsanleihen – also inflationsbereinigten Renditen –, die als wesentlicher Treiber für Vermögenspreise gelten.
Technologiewerte im Fokus der Zinsdynamik
Steigende Anleiherenditen können Technologieaktien und andere Werte mit langer Laufzeit unter Druck setzen, da sie die Finanzierungskosten erhöhen. Diese Dynamik ist besonders relevant für KI-Unternehmen und sogenannte Hyperscaler – also große Cloud-Anbieter –, deren Aktien in diesem Jahr zu den wichtigsten Markttreibern zählten.
Der S&P 500 erreichte am Donnerstag ein Rekordhoch, angetrieben von steigenden Technologieaktien und sinkenden Ölpreisen. Ein schwächer als erwartet ausgefallener US-Erzeugerpreisbericht beflügelte die Risikobereitschaft der Investoren. Gleichzeitig fielen die Renditen von Staatsanleihen, da die Märkte ihre Erwartungen an eine baldige Zinserhöhung zurückschraubten. Sowohl der breite Aktienmarkt als auch der S&P 500 Information Technology Index verzeichneten in der vergangenen Woche leichte Gewinne.
Dennoch bleiben Anleger wachsam. Erhöhte Energiepreise und stockende Gespräche zwischen den USA und dem Iran schüren Sorgen, dass die Ölmärkte nach oben schnellen könnten – mit potenziellen Folgen für Verbraucherpreise und Anleiherenditen.
Berichtssaison überzeugt mit starken Zahlen
Vorerst haben starke Unternehmensergebnisse dazu beigetragen, die Marktvolatilität zu begrenzen. Rund 85 Prozent der S&P-500-Unternehmen, die bereits berichtet haben, übertrafen die Gewinnprognosen. Die Gewinne stiegen laut LSEG-Daten um 32,7 Prozent – bereinigt um Mark-to-Market-Gewinne bei Alphabet und Amazon.
„Wir haben bisher nicht nur Gewinn- und Umsatzüberraschungen gesehen, sondern auch viele positive Ausblicke und nur begrenzte Abwärtskorrekturen durch die Unternehmen", sagte Andy Pratt, Leiter der Anlagestrategie bei der Burney Company. „Sie sind diejenigen, die uns sagen: ‚Hey, die Party geht weiter'." Pratt sieht die aktuellen Inflationstreiber zudem als temporär an: „Wenn man sich ansieht, was die Inflation derzeit antreibt, sind das einmalige Schocks und nicht etwas Dauerhaftes."
In der kommenden Woche werden die Quartalsergebnisse von Walmart und dem Chiphersteller Analog Devices neue Hinweise auf den Zustand der US-Verbraucher und der breiteren Wirtschaft liefern.
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Zur AktienanalyseKI-Investitionen als zentrales Marktthema
Besonders deutlich zeigt sich die Gewinnstärke bei Unternehmen, die von Ausgaben für KI-bezogene Infrastruktur profitieren. Für Chris Grisanti, Chefmarktstratege bei MAI Capital Management, gehören die Investitionspläne der großen Cloud-Anbieter zu den wichtigsten Entwicklungen am Markt. Die KI-Ausgaben von Big Tech sollen demnach von 400 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 auf über 700 Milliarden US-Dollar steigen.
Das enorme Ausmaß dieser Investitionen wirft Fragen auf, ob die Hyperscaler ausreichende Renditen erzielen können, um den massiven Kapitalaufwand zu rechtfertigen. Grisanti weist solche Bedenken jedoch zurück: Die Bilanzen dieser Unternehmen gehörten weiterhin zu den stärksten in der US-Unternehmenslandschaft, und die aggressiven Investitionen spiegelten eine starke Nachfrage wider. „Wenn Sie dieses Geschäft führen würden, würden Sie alles tun, um mehr Geld zu bekommen, das Sie in dieses Geschäft investieren können", sagte er mit Blick auf die schnell wachsenden Cloud-Sparten.
Trotz aller makroökonomischen Risiken sehen viele Investoren die US-Unternehmen derzeit als stärkste Verteidigung gegen Unsicherheiten. „Es ist eine gute Zeit, ein Aktienanleger zu sein, denn die Gewinne überwiegen alle anderen Probleme", fasste Grisanti zusammen. „Ich denke, das wird im Laufe der zweiten Jahreshälfte deutlich werden."


