G10-Zentralbanken signalisieren weitere Zinserhöhungen im Jahresverlauf
Vier Zentralbanken der entwickelten Märkte befinden sich bereits im Zinserhöhungszyklus – weitere könnten bald folgen.

Der Rückgang der Ölpreise infolge des Abkommens zwischen den USA und dem Iran gibt Zentralbankern weltweit etwas Spielraum. Dennoch zeigt ein Blick auf die G10-Staaten: Die Zinswende ist in vollem Gange. Vier Zentralbanken der entwickelten Märkte befinden sich bereits in einem Zinserhöhungszyklus, und mehrere weitere haben diese Woche signalisiert, bei steigendem Inflationsdruck zu handeln.
Die Lage ist komplex: Der durch den Iran-Krieg ausgelöste Energiepreisschock hat die Inflation in vielen Volkswirtschaften angeheizt. Gleichzeitig kämpfen einige Länder mit schwachem Wachstum und hoher Arbeitslosigkeit. Ein Überblick über den aktuellen Stand der Geldpolitik in den G10-Staaten – geordnet vom höchsten bis zum niedrigsten Leitzins.
Australien und Norwegen führen das Feld an
Die Reserve Bank of Australia (RBA) hat die Zinsen in diesem Jahr dreimal auf 4,35% angehoben – den höchsten Stand unter allen G10-Zentralbanken. Damit wurden die Zinssenkungen des Vorjahres vollständig rückgängig gemacht. Diese Woche legte die RBA eine Pause ein, warnte jedoch vor möglichen weiteren Erhöhungen. Die Märkte sehen eine Wahrscheinlichkeit von rund 50% für eine weitere Anhebung im späteren Jahresverlauf.
Norwegens Zentralbank, die Norges Bank, hielt die Zinsen am Donnerstag stabil bei 4,25%, erklärte jedoch, die Inflation sei zu hoch. Eine weitere Anhebung im Jahresverlauf gilt als wahrscheinlich. Hintergrund: Die Norges Bank hatte ihren Leitzins bereits im Mai erhöht, und die jährliche Kerninflation stieg in diesem Monat unerwartet auf 3,4%.
Die Bank of England beließ die Zinssätze im Juni unverändert bei 3,75%. Seit Beginn des US-Iran-Krieges hat sie die Zinsen nicht verändert, da die Stärke des gestiegenen Inflationsdrucks noch unklar ist. Nur zwei der neun Ratsmitglieder stimmten bei der Sitzung am Donnerstag für eine Erhöhung. Die BoE erwartet, dass die Inflation im letzten Quartal dieses Jahres auf über 3,25% steigen wird, verglichen mit 2,8% im Mai. Die Märkte rechnen dennoch mit mindestens einer Zinserhöhung in diesem Jahr.
Fed unter neuem Chef Warsh überrascht die Märkte
Besondere Aufmerksamkeit gilt der US-Notenbank Federal Reserve. Die Ära von Kevin Warsh als Fed-Vorsitzender begann am Mittwoch mit einem Paukenschlag. Die Fed hielt die Zinsen zwar wie erwartet stabil, doch neue Prognosen und Kommentare von Warsh überraschten die Märkte. Nun erwarten neun Fed-Vertreter eine Zinserhöhung bis Ende 2026. Die Märkte sehen eine gute Chance für eine Erhöhung bereits im September und halten eine zweite Anhebung noch vor Jahresende für wahrscheinlicher als nicht. Die Reaktion war deutlich: kurzfristige Anleiherenditen und der US-Dollar legten kräftig zu.
Die Reserve Bank of New Zealand tritt erst Anfang Juli zusammen. Die Märkte halten eine Erhöhung des aktuellen Zinssatzes von 2,25% für wahrscheinlich. Die Notenbank befindet sich in einer schwierigen Lage: Die Inflation dürfte deutlich über das Zielband von 1% bis 3% steigen, während die Arbeitslosenquote auf einem Zehnjahreshoch liegt.
EZB hebt erstmals seit fast drei Jahren die Zinsen an
Die Bank of Canada beließ ihren Leitzins letzte Woche ebenfalls bei 2,25%. Es gibt kaum Anzeichen dafür, dass höhere Energiekosten auf die breitere Inflation übergreifen. Die Inflation blieb zuletzt innerhalb des Zielkorridors von 1% bis 3%, und es wird erwartet, dass die Notenbank in den kommenden Monaten an ihrer abwartenden Haltung festhält.
Die Europäische Zentralbank (EZB) hat letzte Woche zum ersten Mal seit fast drei Jahren die Zinsen angehoben. Der Einlagenzins stieg auf 2,25%. Ziel ist es, die Inflation einzudämmen, bevor sich der durch den Iran-Krieg ausgelöste Energiepreisanstieg weiter in der Eurozone ausbreitet. Händler preisen eine weitere Erhöhung um 25 Basispunkte bis zum Jahresende ein.
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Zur AktienanalyseSchwedens Riksbank ließ ihren Leitzins am Mittwoch unverändert bei 1,75%. Sie erklärte, die Wahrscheinlichkeit von Zinserhöhungen im weiteren Jahresverlauf sei gestiegen, bezeichnete die zugrunde liegende Inflation jedoch als niedrig.
Japan und Schweiz am unteren Ende der Zinsskala
Die Bank of Japan hob die Zinsen am Dienstag auf 1% an – ein 31-Jahres-Hoch und ein Meilenstein in der geldpolitischen Normalisierung des Landes. Die Notenbank signalisierte Bereitschaft zu weiteren Straffungen. Weitere Zinserhöhungen könnten den schwachen Yen stützen, wenngleich die japanischen Zinsen im internationalen Vergleich niedrig bleiben.
Den niedrigsten Leitzins der G10 weist die Schweizerische Nationalbank (SNB) mit 0% auf. Sie ließ die Zinsen am Donnerstag unverändert und erklärte, der mittelfristige Preisdruck habe sich trotz eines jüngsten Inflationsanstiegs durch höhere Treibstoffkosten kaum verändert. Die SNB kämpft mit der Stärke des Schweizer Frankens, scheut jedoch eine Rückkehr zu Negativzinsen und erklärt sich bereit, bei Bedarf an den Devisenmärkten zu intervenieren.


