Gebäudesanierung: Maximale Dämmung rechnet sich oft nicht
Ein Architekt der TU München testet sieben Sanierungsvarianten – mit überraschenden Ergebnissen für Eigentümer und Investoren.

Wer sein Haus energetisch saniert, setzt häufig auf maximale Dämmung. Doch ein groß angelegtes Forschungsprojekt in Heidelberg zeigt: Dieser Ansatz ist teuer, zeitaufwendig – und rechnet sich oft nicht. Architekt Florian Nagler von der TU München hat gemeinsam mit seinem Team sieben baugleiche Wohnhäuser aus den 1950er-Jahren auf sieben verschiedene Arten saniert und die Ergebnisse sind ernüchternd.
Die Häuser gehören der Wohnungsgesellschaft GWG und sind bereits an das städtische Fernwärmenetz angeschlossen. Nagler wollte herausfinden, wie mit möglichst geringem Aufwand der größte Energieeinspareffekt erzielt werden kann. Sein Fazit: Nicht die Dicke der Dämmschicht entscheidet, sondern die Qualität der Energieversorgung und das Nutzerverhalten der Bewohner.
Besonders auffällig: Bei rund 100 baugleichen Wohnungen schwankte der Energieverbrauch zwischen 20 und fast 300 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr. Diese enorme Spanne zeigt, wie stark das individuelle Heizverhalten die tatsächlichen Einsparungen beeinflusst – weit mehr als jede technische Sanierungsmaßnahme.
Minimalvariante schlägt Vollsanierung im Kosten-Nutzen-Verhältnis
Die günstigste getestete Variante kostete lediglich rund 160 Euro brutto pro Quadratmeter Wohnfläche. Sie umfasste nur zwei Maßnahmen: die Kellerdecke dämmen und im Wohnzimmer eine neue Glasscheibe einbauen. Die aufwendigste Variante – eine vollständige Sanierung auf Effizienzhaus-55-Standard – schlug mit rund 1.750 Euro pro Quadratmeter zu Buche.
Das Ergebnis ist eindeutig: Die Tonne eingespartes CO₂ kostete bei der Vollsanierung etwa viermal so viel wie bei den einfachen Maßnahmen. Der Energieverbrauch sank dabei nicht proportional. Für die GWG würde eine vollständige Sanierung ihres gesamten Bestands auf Effizienzhaus-Standard fast eine halbe Milliarde Euro kosten – eine Summe, die schlicht nicht vorhanden ist.
Auch beim Fenstertausch liefert das Projekt überraschende Erkenntnisse. Die bereits in den 1990er-Jahren eingebauten Zweifachverglasungen gegen Dreifachverglasung auszutauschen, amortisiert sich unter den Bedingungen einer guten Fernwärmeversorgung weder wirtschaftlich noch ökologisch – und das innerhalb von 25 Jahren nicht.
Wärmepumpe statt Polystyrol: Der effektivere Klimahebel
Nagler plädiert stattdessen für einen Strategiewechsel: Statt jeden Zentimeter der Gebäudehülle mit Dämmmaterial zu verkleiden, sollte die Primärenergie konsequent vergrünt werden. Konkret bedeutet das: Ölheizungen raus, Wärmepumpen rein. Diese Maßnahme rechne sich inzwischen fast immer, auch im Altbau.
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Zur AktienanalyseFür die aktuelle Förderpolitik hat Nagler klare Kritik parat. Gefördert werde, was auf dem Papier gut aussehe – also hohe rechnerische Effizienzstandards. In der Praxis verpuffe die Förderung jedoch häufig, weil reale Verbräuche deutlich über den Prognosen lägen. Gleichzeitig trieben die hohen Standards die Sanierungskosten so stark in die Höhe, dass sich selbst geförderte Projekte erst nach vielen Jahren rechneten.
Das geplante Vorhaben von Union und SPD, das Gebäudeenergiegesetz (GEG) durch ein neues Gesetz zu ersetzen und den Einsatz von Öl und Gas wieder zu erleichtern, bewertet Nagler kritisch. Die Umstellung auf grünere Energieträger sei eine der kostengünstigsten Maßnahmen im Gebäudesektor überhaupt. Politik sollte hier verlässliche Rahmenbedingungen schaffen – nicht bremsen.
Für Privatanleger und Immobilieneigentümer lässt sich aus dem Heidelberger Projekt eine klare Handlungsempfehlung ableiten: Zunächst einfache Maßnahmen wie Kellerdecke und Dach dämmen, dann die Heizungsanlage auf klimafreundliche Alternativen umstellen. Eine Vollsanierung auf Effizienzhaus-Standard ist dagegen in den meisten Fällen wirtschaftlich kaum darstellbar – und ökologisch oft weniger wirksam als erhofft.

