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Globale Ordnung in der Krise: Warum ein Neustart nötig ist

Ein ehemaliger Zentralbanker und Ökonom der University of Chicago fordert eine grundlegende Reform der multilateralen Weltordnung.

Globale Ordnung in der Krise: Warum ein Neustart nötig ist

Die regelbasierte Weltordnung steht unter massivem Druck. Was einst als stabiles Fundament internationaler Zusammenarbeit galt, bröckelt zusehends – und das nicht nur wegen geopolitischer Spannungen, sondern auch wegen struktureller Fehler im System selbst. Ein ehemaliger Zentralbanker und Professor an der University of Chicago analysiert in einem vielbeachteten Beitrag, warum die alte Ordnung gescheitert ist und wie eine neue aussehen könnte.

Die regelbasierte Ordnung beruhte nicht allein auf Normen für staatliches Handeln, die von US-geführten multilateralen Institutionen überwacht wurden. Ihr Fundament war pragmatisches, aufgeklärtes Eigeninteresse: Staaten verfolgten ihre Ziele mit Blick auf langfristige Konsequenzen für andere. Maßnahmen mit positiven Spillover-Effekten auf Wachstum und Entwicklung anderer Länder würden sich letztlich auszahlen – so die Logik. Kurzfristige Gewinne auf Kosten anderer hingegen würden sich unkontrolliert ausbreiten und alle schlechter stellen.

Dieses System funktionierte, solange die USA der alleinige Hegemon waren und solange die Kosten und Vorteile der Außenpolitik innerhalb eines Landes als gleichmäßig verteilt wahrgenommen wurden. Doch zwei Entwicklungen unterminierten das Fundament: Chinas Aufstieg bedrohte die US-Vorherrschaft, und im Westen wuchs die Wahrnehmung, dass der Freihandel vor allem qualifizierten Dienstleistungsberufen in der Oberschicht zugutekam – während Industriearbeiter einem intensiven Wettbewerb durch immer qualifiziertere ausländische Arbeitskräfte ausgesetzt waren.

Rücksichtsloses Verhalten der Supermächte

Heute schauen die Länder – nicht zuletzt die beiden Weltmächte – zunehmend auf sich selbst. Der Angriff der USA und Israels auf den Iran hat die geopolitische Unsicherheit am Golf und die wirtschaftliche Unsicherheit weltweit erhöht. Chinas Bemühungen, die Produktion anzukurbeln, während der Inlandsverbrauch am Boden liegt, führen dazu, dass eine Masse unterbewerteter Waren die Weltmärkte überschwemmt und die Produktion andernorts belastet.

Besonders gravierend: Normverletzungen durch die Hegemonialmächte erschweren es multilateralen Institutionen erheblich, Fehlverhalten anderer Staaten zu ahnden. Der Erfolg der alten Ordnung bei der Förderung von Entwicklung könnte sie letztlich selbst untergraben haben – ein bitteres Paradox.

Kurzfristige Notmaßnahmen und mittelfristige Reformen

Was also tun? Kurzfristig muss die Welt sicherstellen, dass kein Land in bittere Armut abrutscht. Multilaterale Institutionen verfügen zwar über das nötige Fachwissen, benötigen aber möglicherweise neue Finanzierungsquellen außerhalb der üblichen Wege – damit sie nicht den Launen einzelner Staaten unterworfen sind. Eine „Koalition der Willigen", der auch Länder mit mittlerem Einkommen und reichere Schwellenländer angehören, könnte hier eine Übergangslösung bieten.

Mittelfristig braucht die Welt eine neue Ordnung: sensibler für interne Entwicklungen in den Nationen, offener für den Aufstieg der übrigen Welt. Klare Normen sollen nationale Souveränität und Wirtschaftssysteme respektieren – aber Maßnahmen mit negativen Spillover-Effekten begrenzen. In einer multipolaren Welt macht es wenig Sinn, Schiedsgerichtsbarkeit einem verunsicherten Hegemon oder einer Gruppe von Großmächten mit Vetorecht zu überlassen.

Ein konkreter Reformvorschlag

Der Autor unterbreitet einen konkreten Vorschlag zur Neugestaltung multilateraler Institutionen:

  • Fähige Führungspersönlichkeiten, deren Mandat aus international ausgehandelten Normen stammt, die aber operativ unabhängig agieren
  • Keine Verantwortlichkeit gegenüber einem einzelnen Land, keine Lähmung durch Vetos
  • Führungskräfte erklären sich bei Angelegenheiten, die ihr eigenes Land betreffen, für befangen
  • Ernennung nach offener Suche durch ein Kontrollgremium, für feste, nicht verlängerbare Amtszeiten
  • Stimmgewichte der Vorstandsmitglieder nach transparenten Kriterien – etwa mehr Gewicht für Länder, die effektive Friedenstruppen stellen können, bei UN-ähnlichen Organen; mehr Mitsprache für Geldgeber bei IWF-ähnlichen Institutionen

Das Kontrollgremium soll Entscheidungen regelmäßig überprüfen, darf aber nicht operativ eingreifen – weder bei der Benennung von Aggressoren noch bei Finanzierungsentscheidungen. Das bleibt das Vorrecht der Führung.

Die alte Ordnung stellte nationale Politik in den Mittelpunkt der Institutionen, die sie verwalten sollten. Wer des rücksichtslosen Verhaltens überdrüssig ist, findet laut dem Autor bessere Antworten, indem Institutionen von engen politischen Forderungen distanziert werden – bei gleichzeitiger Rechenschaftspflicht gegenüber der Weltgemeinschaft.

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