Großbritannien zwischen Brexit-Erbe und progressivem Kapitalismus
Zehn Jahre nach dem Brexit-Votum kämpft Großbritannien mit wirtschaftlicher Stagnation und einem tief gespaltenen politischen System.

Großbritannien steht im Juni 2026 vor einer doppelten Herausforderung: wirtschaftliche Stagnation und das ungelöste Erbe des Brexit-Referendums von 2016. Zwei aktuelle Analysen beleuchten, wie das Land versucht, seine politischen Entscheidungen der Vergangenheit mit einer unsicheren wirtschaftlichen Zukunft in Einklang zu bringen. Die Debatte dreht sich nicht mehr um die Frage, ob der EU-Austritt richtig war – sondern darum, wie Großbritannien den strukturellen Schaden langfristig bewältigen kann.
Wes Streeting, Labour-Abgeordneter und ehemaliger Gesundheitsminister, hat ein wirtschaftspolitisches Konzept vorgelegt, das er als „progressiven Kapitalismus" bezeichnet. Er beschreibt die aktuelle Lage junger Briten als „nur Schmerz, kein Gewinn": kaputte Wohnungs- und Hochschulmärkte, drohende Jobverluste durch Künstliche Intelligenz und hohe Steuerlasten ohne funktionierende öffentliche Dienste.
Streetings Drei-Säulen-Agenda
Streetings Wachstumsstrategie ruht auf drei Pfeilern: Erstens soll die Innovationsgrenze vorangetrieben werden, um produktiven Unternehmen beim Skalieren zu helfen. Zweitens sollen Best Practices in der Breite der Wirtschaft verbreitet werden, um den Wettbewerb zu stärken. Drittens fordert er Investitionen in strategische Industrien wie Energie, Verteidigung und Dateninfrastruktur.
Ein zentrales Element seines Plans ist eine radikale Steuerreform: Streeting schlägt vor, Kapitalertragssteuern und Einkommenssteuern anzugleichen, um die Steuerlast von Arbeit auf Vermögen zu verlagern. Er betont dabei die fiskalische Verantwortung – bei einer Schuldenquote von nahezu 100 Prozent des BIP sei Haushaltsdisziplin die notwendige Grundlage für sozialdemokratische Ambitionen.
Besonders deutlich wird Streeting beim Thema Brexit: Er bezeichnet den EU-Austritt als „Katastrophe" und fordert eine maximalistische Handelsbeziehung mit Europa sowie langfristig engere Kooperation. Zur Lösung der Wohnungskrise schlägt er Eingriffe der Zentralregierung gegenüber versagenden Kommunen vor. Zudem will er mit einem globalen Talentprogramm 20.000 Spitzenwissenschaftler und Ingenieure nach Großbritannien holen – ein bewusster Kontrast zur isolationistischen Rhetorik aus den USA.
Ein Jahrzehnt Brexit: Die ernüchternde Bilanz
Parallel dazu liefert das 622-seitige Werk The Brexit Effect: 2016–2026, herausgegeben von Sir Anthony Seldon, eine umfassende Bestandsaufnahme. 40 Experten kommen darin zu dem Schluss, dass das Brexit-Projekt seine Versprechen nicht erfüllt hat. Die wirtschaftlichen Daten sind eindeutig: Das britische BIP liegt schätzungsweise 6 bis 8 Prozent unter dem Niveau, das ohne den EU-Austritt erreicht worden wäre. Die Investitionen sind um 12 bis 18 Prozent zurückgegangen, die Produktivität hinkt um 3 bis 4 Prozent hinterher.
Trotz der Rhetorik eines „Singapore-on-Thames" – also eines deregulierten Freihandelsparadieses – wuchs das britische Pro-Kopf-BIP langsamer als in allen G7-Staaten außer Kanada und Deutschland. Selbst prominente Brexit-Befürworter unter den Ökonomen, wie Ryan Bourne, räumen ein, dass der Brexit die Wachstumsschwäche Großbritanniens „zweifellos vertieft" habe – auch wenn er nicht deren alleinige Ursache sei.
Die öffentliche Meinung hat sich entsprechend gewandelt. Laut Umfragen des Meinungsforschers Sir John Curtice halten 61 Prozent der Wähler den Brexit für gescheitert. Bei einem hypothetischen neuen Referendum würde „Remain" mit 58 zu 42 Prozent gewinnen. Bemerkenswert ist auch die Ernüchterung unter den Architekten der Leave-Kampagne: Beitragende wie Douglas Carswell und Paul Stephenson beklagen, dass die Versprechen von Boris Johnson nie eingelöst wurden – viele machen mangelnden politischen Willen verantwortlich, nicht das Projekt selbst.
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Zur AktienanalysePolitisches Vakuum und der Aufstieg der Reform Party
Das Zusammenspiel dieser beiden Narrative offenbart eine volatile politische Landschaft. Das Vakuum, das der ausgebliebene Wohlstand nach dem Brexit hinterlassen hat, füllt zunehmend die Reform Party. Als Nachfolgerin der Ukip führt sie derzeit die nationalen Umfragen an – angetrieben von genau jenem Unmut, den der Brexit-Prozess verschärft hat.
Streetings Ruf nach einer wachstumsorientierten, pro-europäischen Neuausrichtung ist der Versuch, sich vom „rücksichtslosen Umgang" des vergangenen Jahrzehnts zu distanzieren. Ob eine solche Agenda Erfolg haben kann, hängt davon ab, ob die Regierung eine tief gespaltene Öffentlichkeit und ein zunehmend populismusanfälliges politisches System navigieren kann. Für Deutschland und die EU ist die britische Entwicklung ein mahnendes Beispiel – und zugleich ein Signal, dass London mittelfristig wieder eine engere Annäherung an den Kontinent suchen könnte.


