Halbleitersektor bricht ein – UBS und Barclays bleiben optimistisch
Trotz massiver Kursverluste im Chipsektor sehen führende Banken weiterhin starkes Gewinnwachstum und keine Panikverkäufe.

Chip-Aktien haben diese Woche massive Verluste erlitten. Geopolitische Spannungen, steigende Energiepreise und erneute Zinssorgen setzten dem Halbleitersektor stark zu. Der PHLX Semiconductor Index (SOX) verlor auf Wochensicht 8%, auf Monatssicht sogar 17% – und beendet damit eine dreimonatige Gewinnsträhne.
Besonders hart traf es den Roundhill Memory ETF (DRAM), der diese Woche um 17% einbrach. Der VanEck Semiconductor ETF (SMH) gab um 7% nach. Damit steht der gesamte Sektor unter erheblichem Druck, und Anleger fragen sich, ob der KI-getriebene Investitionsboom seinen Höhepunkt erreicht hat.
Analysten sehen keine Anzeichen für nachlassende Nachfrage
Die Wall Street beobachtet den Horizont genau auf Signale für eine nachlassende Nachfrage oder sinkende Investitionsausgaben – klassische Vorboten dafür, dass der KI-Boom zu Ende geht. Doch bislang berichten Analysten von keinem solchen Signal. Stattdessen betonen einige das anhaltend starke Gewinnwachstum der Chiphersteller.
UBS prognostizierte am Freitag für den Philadelphia Semiconductor Index ein Gewinnwachstum von 92% im laufenden Jahr und weitere 40% im Jahr 2027. „Diese Prognosen unterstreichen, warum wir für Halbleiter insgesamt weiterhin konstruktiv gestimmt sind und warum die Branche die breitere Aktienrallye weiter stützen sollte", schrieb Ulrike Hoffmann-Burchardi, Global Head of Equities bei UBS.
Für Hoffmann-Burchardi ist das entscheidende Argument das strukturelle Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage nach Rechenleistung. „Die Nachfrage nach Rechenleistung übersteigt weiterhin das verfügbare Angebot, während sich die Kapazitätsengpässe entlang der Lieferkette wahrscheinlich nicht so schnell entspannen werden", schrieb sie. Dieses Argument stützt die These, dass der Sektor trotz kurzfristiger Turbulenzen strukturell intakt bleibt.
Barclays: Verkäufe eher passiv als aggressiv
Auch der Handelsdesk von Barclays zeigte sich am Freitag gelassen. Die Bank sehe „keine Anzeichen von Panik" im Halbleiterhandel, beobachte jedoch ein gestiegenes Interesse der Anleger daran, wann genau mit einer Erholung des Sektors zu rechnen sei. „Wir erhalten deutlich mehr Anfragen von Investoren dazu, wann wir eine Erholung am Halbleitermarkt sehen könnten", schrieben die Händler von Barclays.
Die Charakterisierung der aktuellen Verkaufswelle ist dabei aufschlussreich: „Die Verkäufe sind eher passiv und nicht aggressiv; es scheint sich eher um Positionsanpassungen zu handeln als um den Versuch von Anlegern, den Sektor zu verlassen." Das deutet darauf hin, dass institutionelle Investoren den Sektor nicht grundsätzlich aufgeben, sondern lediglich ihre Gewichtungen neu justieren.
Die Fundamentaldaten des globalen Halbleitermarkts untermauern den Optimismus. Laut der World Semiconductor Trade Statistics (WSTS), einer Branchenvereinigung, wurde im Juni für den globalen Halbleitermarkt ein Wachstum von 90% im Jahr 2026 und weiteren 27% im Jahr 2027 prognostiziert. Jüngere Daten zeigen, dass sich dieser Trend sogar beschleunigt: Nach einem jährlichen Umsatzanstieg der Branche von 106% im April stieg das Umsatzwachstum im Mai auf 119%, wie JPMorgan unter Zusammenfassung der WSTS-Daten feststellte.
Deutsche Bank und Wells Fargo schlagen pessimistischere Töne an
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Zur AktienanalyseNicht alle Analysten teilen den Optimismus. Maximilian Uleer, Stratege bei der Deutschen Bank, äußerte sich am Freitag besorgt. „Der unsichere Ausblick in Kombination mit dem jüngsten signifikanten Beitrag des Sektors zur Performance des Aktienmarktes wirft die Frage auf, wie man mit Halbleiteraktien im Portfoliokontext umgehen soll", schrieb er. Damit spricht er eine zentrale Frage für Portfoliomanager an: Wie viel Halbleiter-Exposure ist in einem unsicheren Umfeld noch vertretbar?
Ohsung Kwon von Wells Fargo ergänzte am Donnerstag, dass „die Stimmung im Halbleitersektor einen der stärksten Rückgänge innerhalb von vier Wochen in der Geschichte erlebte." Diese Einschätzung verdeutlicht das Ausmaß der aktuellen Stimmungseintrübung – auch wenn die Fundamentaldaten bislang keine strukturelle Trendwende signalisieren.
Für deutsche Privatanleger bleibt die Lage damit zweigeteilt: Die kurzfristigen Kursverluste sind erheblich, die langfristigen Wachstumsprognosen für den Sektor jedoch weiterhin beeindruckend. Ob die aktuellen Rücksetzer eine Kaufgelegenheit darstellen oder der Beginn einer tieferen Korrektur sind, hängt maßgeblich davon ab, wie sich Zinsen, Geopolitik und die KI-Nachfrage in den kommenden Monaten entwickeln.


