Humanoide Roboter: Billionen-Markt mit großen Hürden für Deutschland
Europa holt auf: Mit der Konferenz „Machina" und Neura Robotics meldet sich der Kontinent im globalen Robotik-Wettbewerb zurück.

Wer die Entwicklung humanoider Robotik verfolgen wollte, musste bislang nach Nordamerika oder Asien schauen. Die Consumer Electronics Show in Las Vegas, Nvidias GTC-Konferenz in San José und Chinas World Artificial Intelligence Conference in Shanghai setzten die Maßstäbe. Europa spielte dabei eine Nebenrolle – das soll sich nun ändern.
In Paris eröffnet die „Machina", Europas erste große Konferenz, die sich ausschließlich der humanoiden Robotik widmet. Schauplatz ist die „Station F" im Süden von Paris, ein ehemaliges Bahndepot und zugleich der weltgrößte Start-up-Campus. Hier soll Europas Antwort auf die nächste Evolutionsstufe der künstlichen Intelligenz entstehen: die sogenannte „Physical AI" – also KI, die nicht nur digital denkt, sondern physisch handelt.
Neura Robotics: Deutschlands Hoffnungsträger mit Rekordfinanzierung
Mitten in diesem Aufbruch steht ein deutsches Unternehmen: Neura Robotics aus Metzingen. Chef David Reger gilt als große Hoffnung der europäischen Robotik-Szene. Zuletzt sicherte sich das Start-up 1,4 Milliarden Dollar – die größte Finanzierungsrunde, die ein deutsches Start-up je abgeschlossen hat. Zu den Investoren zählen Schwergewichte wie Nvidia und Amazon, aber auch deutsche Industriekonzerne wie Bosch und Schaeffler.
Die Ambitionen sind entsprechend groß. Neura spricht von „mehreren Millionen Robotern bis 2030". Realistischer klingt der Fahrplan, den Reger der „Financial Times" nannte: 6.000 Einheiten in diesem Jahr, Zehntausende im nächsten. Bis zur Millionenmarke ist es selbst dann noch ein gewaltiger Sprung.
„Es ist die Ära der humanoiden Robotik, die wir gerade erleben", sagt Tamim Asfour, Sprecher des Robotics Institute Germany (RIG) und Professor für humanoide Robotik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Gleichzeitig warnt er: „Das Geld läuft den Robotern gerade weit voraus."
Forscher bremsen überzogene Erwartungen
Eine Studie des Fraunhofer-Instituts zeigt: Die Mehrheit der Experten rechnet zwar in drei bis zehn Jahren mit der Marktreife humanoider Roboter. Doch selbst dann dürften sie noch lange kein Massenprodukt sein. Laut Alin Albu-Schäffer, Direktor des Instituts für Robotik und Mechatronik beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), kann es nach der Produktreife noch mehrere Jahre dauern, bis Roboter in großer Stückzahl produziert werden.
Das liegt nicht nur an Skalierungsproblemen, sondern auch an den Schwächen der Roboter selbst. Zurzeit seien sie noch nicht zuverlässig genug – besonders über längere Zeiträume, erklärt Albu-Schäffer. Eine Welt, in der Humanoide ganze Schichten in Fabriken übernehmen oder acht Stunden täglich Pakete austragen? Das sei in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren nicht vorstellbar.
Ein viel zitiertes Beispiel verdeutlicht den Stand der Technik: Auf einer Konferenz der Handelsblatt Media Group tanzte ein Roboter neben einem professionellen Tänzer – die Zuschauer waren beeindruckt. Was viele nicht wussten: Der Humanoide musste vor der Vorstellung auf die Bühne getragen werden. Versuche, ihn eigenständig die Treppe hochgehen zu lassen, scheiterten.
Das „Henne-Ei-Problem" bei Trainingsdaten
Ein zentrales technisches Hindernis ist die Datenfrage. Große Sprachmodelle wie ChatGPT, Claude oder Gemini haben sich im Internet an nahezu unbegrenzten Textmengen trainiert. Für Roboter funktioniert das nicht. „Wir können nicht einfach ChatGPT in einen Roboter stecken", erklärt Asfour.
Ein humanoider Roboter muss lernen, wie er einen Karton greift oder eine Tasse anhebt, ohne sie fallen zu lassen. Solche Erfahrungen lassen sich nicht aus dem Internet herunterladen. DLR-Direktor Albu-Schäffer beschreibt das als klassisches „Henne-Ei-Problem": Gibt es viele Roboter, gibt es auch viele Daten – doch ohne Roboter fehlen die Daten.
Ein Großteil des Trainings findet daher in Simulationen statt. Doch Simulationen bilden die Realität nicht perfekt ab – schon unterschiedliche Lichtverhältnisse können dazu führen, dass virtuell Erlerntes in der realen Welt versagt. Neura Robotics setzt deshalb auf sogenannte „Neura Gyms": reale Trainingszentren, die echte Arbeitsumgebungen wie Büros oder Küchen nachbilden. Im „Neuraverse" sollen die dort gesammelten Erfahrungen zwischen allen Robotern geteilt werden. „Wenn in Karlsruhe ein Roboter lernt, wie er eine Spülmaschine ausräumen muss, dann weiß das auch ein Roboter in München", erklärt Asfour.
Deutschland, China und die USA im globalen Wettlauf
Im internationalen Vergleich zeigt sich die Herausforderung für Europa deutlich. China setzt auf Skalierung: Laut Roland Berger wurden 2025 in China mehr als 15.000 humanoide Roboter produziert – rund 90 Prozent der weltweiten Produktion. Die Preise des größten chinesischen Herstellers Unitree fielen dabei von 600.000 Yuan (2023) auf 166.400 Yuan im Jahr 2025, umgerechnet etwa 21.500 Euro. Neuras Vorzeigemodell „4NE1" kostet dagegen 100.000 Euro.
Die USA setzen auf KI und Software. Unternehmen wie Figure AI oder Tesla verfügen über riesige Kapitalmengen. Deutschland hingegen hat weder Chinas Produktionskapazitäten noch das Kapital der amerikanischen Tech-Giganten.
Trotzdem sehen Experten echte Chancen für Deutschland. Die Unternehmensberatung Roland Berger schätzt das langfristige Umsatzpotenzial des Markts auf mehr als eine Billion Dollar. „Das ist kein ‚the winner takes it all'-Markt", erklärt Roland-Berger-Partner Thomas Kirschstein. Kein einzelner Anbieter werde die Branche beherrschen.
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Zur AktienanalyseDeutschlands Stärken: Hardware, Maschinenbau, Industrieerfahrung
Laut Experten spielt die Verschiebung hin zu physischer KI Deutschland in die Karten. „Wir kommen aus einer Welt, in der wir meinten, nur Software spielt eine Rolle", sagt Werner Kraus, Forschungsbereichsleiter Automatisierung und Robotik am Fraunhofer-Institut. Mit humanoiden Robotern rücken Hardware und die physische Welt wieder in den Vordergrund – genau dort liegen Deutschlands traditionelle Stärken.
Laut dem internationalen Verband der Robotik-Industrie (IRF) kommen in Deutschland 449 Industrieroboter auf 10.000 Beschäftigte in der Fertigung. In den USA sind es 307, in China nur 166. Deutsche Unternehmen haben also bereits Erfahrung darin, neue Robotersysteme in Produktionsprozesse zu integrieren.
Kirschstein sieht in der humanoiden Robotik sogar einen möglichen Ausweg aus der Krise der deutschen Industrie. „Der neue Markt für die Automobilindustrie ist die humanoide Robotik", pflichtet Asfour bei. Gelingt es deutschen Unternehmen, Roboter zunächst in den eigenen Fabriken einzusetzen, könnte ein Wettbewerbsvorsprung entstehen.
„Europa kann und sollte ein Drittel des Markts anstreben", sagt DLR-Direktor Albu-Schäffer. Langfristig geht Roland Berger von Betriebskosten von rund zwei Dollar pro Stunde aus – ein Niveau, das humanoide Roboter zur Antwort auf Arbeitskräftemangel und steigende Lohnkosten machen könnte.
Neura-Chef Reger gibt die Richtung vor: „Wir wollen nicht nur ein europäischer Champion sein, sondern weltweit die Champions League gewinnen." Ob das gelingt, bleibt offen. Doch die Experten sind sich einig: Wer jetzt nicht handelt, riskiert den Anschluss. „Man darf da nicht langsam sein", warnt Kirschstein.


