Hybride Kriegsführung bedroht deutsche Wirtschaft: 290 Milliarden Euro Schaden
Sabotage, Cyberangriffe und Spionage: Ein neues Whitepaper zeigt, welche Branchen besonders gefährdet sind – und warnt vor Hamsterkäufen.

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat sich die Bedrohungslage für deutsche Unternehmen grundlegend verändert. Kriminelle und ausländische Nachrichtendienste agieren heute mit einer Intensität und Härte, die vor vier Jahren noch kaum vorstellbar war. Der Krieg findet längst nicht mehr nur an der Front statt – er reicht bis in deutsche Fabriken, Häfen und Logistikzentren.
Das Bundesamt für Verfassungsschutz warnt regelmäßig vor gezielten Angriffen auf Wirtschaft und Politik. Ziel sei es, Verunsicherung und Angst zu schüren. Der Branchenverband Bitkom beziffert den durch Spionage und Sabotage entstandenen Schaden für die deutsche Wirtschaft auf rund 290 Milliarden Euro – ein neuer Rekordwert.
Whitepaper analysiert konkrete Unternehmensrisiken
Sicherheitsexperten von Großkonzernen wie RWE, Porsche, BMW und Siemens haben sich im ThinkTank „Corporate Resilience" zusammengeschlossen. Gemeinsam mit der Allianz für Sicherheit in der Wirtschaft (VSW) haben sie ein 81-seitiges Whitepaper veröffentlicht, das die Risiken hybrider Kriegsführung für die deutsche Wirtschaft systematisch analysiert. Als größte europäische Volkswirtschaft und logistische Drehscheibe der Nato stehe Deutschland dabei besonders im Fadenkreuz ausländischer Mächte.
Die Kernbotschaft der Experten ist eindeutig: Unternehmen, die sich bislang nicht mit Cyberangriffen, Sabotage, Drohnenangriffen, Spionage und Desinformation auseinandergesetzt haben, sollten dies dringend nachholen. „Diese Faktoren beeinflussen direkt Geschäftsmodelle, Marktstrategien und Investitionsentscheidungen", heißt es im Bericht. Die Autoren betonen: „Die Resilienz der Wirtschaft ist heute nicht nur eine betriebswirtschaftliche, sondern eine sicherheitspolitische Kernaufgabe."
Lebensmittelversorgung und Logistik unter Druck
Noch gut in Erinnerung sind die Bilder aus dem Frühjahr 2020, als Verbraucher in Supermärkten um Toilettenpapier und Mehl kämpften. Die Experten warnen, dass ähnliche Szenarien künftig nicht durch ein Virus, sondern durch gezielte Sabotage ausgelöst werden könnten. Schwachstellen in den Lieferketten der Lebensmittelindustrie seien ein reales Risiko.
Gestörter internationaler Handel, Sanktionen oder Exportverbote könnten die Verfügbarkeit von Rohstoffen für die Lebensmittelproduktion stark einschränken. „Die extreme Unsicherheit und die drohenden Engpässe werden in der Bevölkerung zu verstärkten Hamsterkäufen führen, was die angespannte Warenverfügbarkeit weiter verschärft und zu einer ungleichen Verteilung innerhalb der Bevölkerung führen kann", schreiben die Autoren. Als direkte Folge prognostizieren sie steigende Lebensmittelpreise, da höhere Produktionskosten an die Verbraucher weitergegeben würden.
Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Im Ernstfall könnte die Einziehung von Mitarbeitern zum Wehrdienst zu Personalengpässen führen – mit direkten Auswirkungen auf den Betrieb von Filialen, Logistikzentren und Transportflotten.
Automobilindustrie: Abhängig von stabilen Nachbarländern
Aufgrund ihrer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedeutung gilt die Automobilindustrie als besonders attraktives Ziel hybrider Angriffe. Störungen in der Produktion können erhebliche wirtschaftliche Schäden verursachen und Verunsicherung in der Bevölkerung erzeugen. Die Experten empfehlen Unternehmen entlang der gesamten Lieferkette, sich frühzeitig auf ein breites Spektrum möglicher Sicherheitsvorfälle einzustellen – von Cyberangriffen über Spionage bis hin zu physischen Anschlägen.
Besonders heikel: Die deutsche Automobilindustrie bezieht viele Teile aus Osteuropa und ist damit von stabilen Strukturen in den Nachbarländern abhängig. Polen, das direkt an die Ukraine grenzt, ist mittlerweile ein wichtiger Lieferant für Hersteller und Zulieferer geworden. Eine Ausweitung hybrider Angriffe auf diese Region hätte unmittelbare Folgen für die Produktion in Deutschland. Auch die Einschränkung wichtiger Rohstoffe wie Kobalt oder Nickel könnte bereits in einem schwelenden Konflikt zu Preissteigerungen führen.
Energieversorger und Medien im Visier
Energieversorger und Netzbetreiber zählen zur kritischen Infrastruktur und sind damit ein zentrales Angriffsziel. Bereits ohne offene Kampfhandlungen ist die Gefahr durch Cyberangriffe und Sabotageakte hoch. Ein Anschlag auf Teile des Berliner Stromnetzes durch Linksextremisten hat zuletzt gezeigt, wie verwundbar die deutsche Energieversorgung ist. Im Ernstfall müssten Energieunternehmen zudem eine priorisierte Versorgung militärischer Standorte sowie von Krankenhäusern und kritischer Infrastruktur sicherstellen.
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Zur AktienanalyseAuch Zeitungen, TV-Sender und Kultureinrichtungen sehen die Experten als Teil der kritischen Infrastruktur. Sie könnten Ziel von Desinformationskampagnen werden – etwa durch Deepfakes oder manipulierte Inhalte. Cyberangriffe könnten die Verbreitung von Inhalten verhindern oder Medienarchive löschen. Zudem warnen die Autoren vor gezielter Diskreditierung von Journalisten durch gesteuerte Kampagnen in sozialen Medien.
Rechtliche Lücken und fehlende Kommunikationsstrukturen
Das Whitepaper macht deutlich: Nicht alle Risiken lassen sich minimieren. Investitionen in Cybersicherheit, Sicherheitspersonal und resiliente Lieferketten können die Gefahr reduzieren – aber nicht vollständig beseitigen. Großflächige Gelände von Energieunternehmen oder Logistikzentren lassen sich kaum lückenlos schützen, wie der Berliner Sabotageakt und der Brand beim Rüstungshersteller Diehl gezeigt haben.
Besonders kritisch sehen die Autoren die bestehenden rechtlichen Lücken im Zusammenspiel von Staat, Wirtschaft und Militär. Es gebe nach wie vor „unzureichende Kommunikationsstrukturen zwischen Unternehmen, Behörden, Bundeswehr und Ländern". Unklar sei etwa, welche Informationskanäle im Ernstfall genutzt werden oder wie klassifizierte Informationen an Industriepartner weitergegeben werden sollen. Für Privatanleger bedeutet das: Die Risiken hybrider Kriegsführung sind real und können Unternehmenswerte, Lieferketten und ganze Branchen empfindlich treffen.


