Iberischer Blackout: ENTSO-E fordert europaweite Reformen für Stromnetze
Nach dem historischen Stromausfall auf der Iberischen Halbinsel verlangt der europäische Netzbetreiberverband umfassende Modernisierungen kontinentweit.

Der verheerende Stromausfall vom 28. April des vergangenen Jahres, der fast 60 Millionen Menschen in Spanien und Portugal ohne Strom ließ, hat weitreichende Konsequenzen für ganz Europa. ENTSO-E, der Verband europäischer Übertragungsnetzbetreiber, hat in seinem Abschlussbericht europaweite Reformen gefordert, um eine Wiederholung des Blackouts zu verhindern. Die Netzbetreiber bezeichneten den Vorfall als „den ersten seiner Art".
Laut dem Bericht wurden die Probleme durch ungewöhnliche Schwankungen der Netzfrequenz ausgelöst. Diese Frequenzoszillationen verursachten Spannungsschwankungen, die das spanische Netz überlasteten, Kraftwerke zur Abschaltung zwangen und die Betreiber die Kontrolle über das System verloren. Das Ergebnis war ein totaler Zusammenbruch der Stromversorgung auf der gesamten Iberischen Halbinsel.
Erneuerbare Energien nicht die Ursache
Damian Cortinas, Vorstandsvorsitzender von ENTSO-E, stellte klar: „Das Problem sind nicht die erneuerbaren Energien." Vielmehr gehe es darum, die Fähigkeit des Netzes zu verbessern, mit „schnellen Spannungsschwankungen" umzugehen, die das System destabilisieren können. Gegner von Wind- und Solarenergie hatten versucht, den Netzzusammenbruch als Beweis für die inhärente Instabilität erneuerbarer Energiesysteme darzustellen – diese Behauptung wies ENTSO-E ausdrücklich zurück.
Cortinas betonte, dass Spanien in vielerlei Hinsicht ein Vorreiter der Energiewende sei. „Spanien war in einer Reihe von Aspekten der Energiewende ein Vorreiter. Daher glauben wir, dass sie auf Dinge stoßen, die jedem anderen irgendwann begegnen könnten", sagte er. Das Wichtige sei, die Lehren aus dem iberischen Blackout zu ziehen, bevor sich ähnliche Ereignisse anderswo in Europa wiederholen.
49 Experten untersuchten den Blackout im Rahmen der ENTSO-E-Analyse. Cortinas betonte, das Ziel sei nicht die Schuldzuweisung gewesen – das obliege den Justizbehörden. Spanien selbst hatte die Verantwortung für den Ausfall zwischen seinem Netzbetreiber und den Elektrizitätsunternehmen aufgeteilt und eine Kombination aus „schlechter Planung" und Kraftwerksfehlern als Ursache benannt. Der spanische Netzbetreiber Red Eléctrica erklärte seinerseits, der ENTSO-E-Bericht habe „keine Red Eléctrica zuzuschreibende Ursache" gefunden.
Technische Lösungen bereits verfügbar
Die gute Nachricht: Die notwendige Technologie zur Vermeidung künftiger Blackouts existiert bereits. Cortinas verwies auf sogenannte „Statcoms" – Geräte, die als Spannungsstoßdämpfer fungieren – sowie auf Protokolle, die sicherstellen, dass Generatoren nur bei länger anhaltenden Spannungsspitzen vom Netz gehen. „In den Empfehlungen steht nichts, was nicht morgen umgesetzt werden könnte", sagte er.
Cortinas forderte zudem, dass „jede Art der Erzeugung" – nicht nur erneuerbare Energien – über Fähigkeiten zur Spannungsregelung verfügen müsse. Die Modernisierung bestehender Kraftwerke dürfte jedoch erhebliche Kosten verursachen. Auf die Frage, wer diese tragen werde, antwortete Cortinas: „Das ist etwas, das in jedem Land geprüft werden muss."
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Zur AktienanalyseBrüssel plant umfassendes Netzpaket
Die Ergebnisse des Berichts fallen in eine Zeit, in der Europa ohnehin an der Modernisierung seiner Strominfrastruktur arbeitet. Im Rahmen der Bemühungen zur Bekämpfung hoher Energiepreise plant die Europäische Kommission in diesem Jahr ein Paket, das Investitionen in grenzüberschreitende Netzverbindungen vorsieht. Zudem soll der Kommission mehr zentrale Planungsbefugnis eingeräumt werden, um Energieressourcen besser umzuverteilen.
Für deutsche Verbraucher und Investoren ist der Bericht von besonderer Relevanz: Deutschland befindet sich ebenfalls mitten in der Energiewende und baut seinen Anteil an Wind- und Solarenergie massiv aus. Die Lehren aus dem iberischen Blackout könnten damit auch für die Stabilität des deutschen Stromnetzes richtungsweisend sein.


