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Industrie vor Neuausrichtung

Arbeitsmarktforscher fordert klare Politik für Innovation und Beschäftigung

Industrie vor Neuausrichtung

Deutschlands Industrie steht nach Einschätzung von Arbeitsmarktforscher Enzo Weber vor einer tiefgreifenden Erneuerung. Die aktuelle Industrieproduktion sei laut Statistischem Bundesamt auf einem so niedrigen Stand wie zuletzt in der Corona-Krise – und im Grunde so schwach wie seit der globalen Finanzkrise nicht mehr. Weber warnt, das einstige Wirtschaftswunder sei vorbei und eine Neuausrichtung zwingend notwendig. Zentrale Transformationsfelder seien die Verkehrs- und Energiewende, Wasserstofftechnologien sowie der Rüstungsbereich. Letzterer könne zwar einen Teil der Arbeitsplatzverluste ausgleichen, jedoch bei weitem nicht alle.

Vor allem kleinere Zulieferbetriebe in der Automobilindustrie kämpfen nach Webers Worten mit dem Strukturwandel. Während große Konzerne ihre Belegschaft zuletzt sogar noch ausgebaut hätten, verlören kleine Industrieunternehmen seit Jahren Arbeitsplätze – derzeit mehr als 10.000 pro Monat. Ihre technische Spezialisierung biete jedoch Chancen, insbesondere aufgrund der Schnittmengen zwischen Fahrzeugtechnik und Rüstung. Eine vollständige wirtschaftliche Erholung könne die Rüstungsindustrie jedoch nicht bringen, da die Ausgaben einmalig seien und den Staatshaushalt stark belasteten. Entscheidend sei, das investierte Geld so zu nutzen, dass ein maximaler Innovationseffekt entstehe.

Deutschland verfüge über das nötige Know-how und Fachkräftepotenzial, um die wirtschaftliche Transformation zu bewältigen. Die aktuellen Rahmenbedingungen erschwerten jedoch Investitionen, Gründungen und die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Weber sieht das Land in einer „Erneuerungskrise“ und fordert eine klare Industriepolitik: Investitionen in zukunftsfähige Infrastruktur, gezielte staatliche Beschaffung zur Förderung von Innovation, Unterstützung und Skalierung von Unternehmensgründungen sowie den Abbau veralteter Subventionen. Eine aktive Arbeitsmarktstrategie müsse Fachkräfte gezielt in Wachstumsfelder führen.

Als Hindernis für den Aufbruch nennt Weber die große wirtschaftspolitische Unsicherheit. Unklare Zielsetzungen bei Energiepolitik, Mobilitätsförderung und Technologiewahl verunsicherten Unternehmen und Investoren. Fragen wie die künftige Ausrichtung bei Windkraft, E-Mobilität oder Heiztechnik seien ungelöst, was zu einem Investitionsstau führe. Weber betont, dass politische Klarheit und konkrete Investitionsentscheidungen dringend erforderlich seien, um den Rückstand der vergangenen Jahre aufzuholen.

Im Bereich Qualifizierung sieht der Arbeitsmarktforscher keine Notwendigkeit für grundlegende Umschulungen. Vielmehr gehe es darum, vorhandene Kompetenzen für neue Anwendungsfelder weiterzuentwickeln. Dies erfordere arbeitsmarktpolitische Maßnahmen wie Qualifizierungs- und Vermittlungspakete, Beratungsangebote und gegebenenfalls zeitweilige Lohnsicherungen. Unternehmen sollten Mittel, die für Frührentenprogramme vorgesehen sind, besser in die Weiterentwicklung ihrer Beschäftigten investieren. Dies würde sowohl den Betrieben als auch den Arbeitnehmern langfristig zugutekommen.

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