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Insiderhandel-Skandal erschüttert Elite-Kanzleien der Wall Street

30 Angeklagte, Millionengewinne, Top-Kanzleien: Ein neuer Insiderhandel-Skandal stellt das US-Rechtswesen vor grundlegende Fragen.

Insiderhandel-Skandal erschüttert Elite-Kanzleien der Wall Street

Im Mai klagte die US-Bundesstaatsanwaltschaft 30 Personen wegen Wertpapierbetrugs an. Die mutmaßlichen Verschwörer sollen dabei illegale Gewinne in zweistelliger Millionenhöhe erzielt haben. Im Zentrum des über ein Jahrzehnt andauernden Rings standen mehrere Wirtschaftsanwälte, die für renommierte Elitekanzleien wie Goodwin, Latham & Watkins, Wachtell Lipton, Sidley Austin und Weil Gotshal tätig waren.

Den Staatsanwälten zufolge betrafen die M&A-Transaktionen, die Gegenstand der mutmaßlichen Straftaten waren, Branchengrößen wie Johnson & Johnson, Cigna und Occidental Petroleum. Die Anwaltskanzleien selbst sind nicht Ziel der Ermittlungen. Jede von ihnen teilte der Financial Times mit, sie sei schockiert über die Vorwürfe und kooperiere vollumfänglich mit den Behörden.

Die Anklagen haben einige der bedeutendsten Institutionen des US-Rechtswesens erschüttert. Das juristische Establishment fragt sich nun, wie hochbezahlte Associates mit Abschlüssen von Universitäten wie Yale und Columbia potenziell ihre eigene Zukunft wegwerfen und den Ruf renommierter „White-Shoe"-Kanzleien beschädigen konnten.

Historische Parallelen: Kein neues Phänomen

Insiderhandel durch Anwälte ist kein neues Phänomen. „Leider wurde das Recht zum Insiderhandel bis zu einem gewissen Grad durch Fälle geprägt, in die Anwälte verwickelt waren", sagt Donald Langevoort, Juraprofessor an der Georgetown University. In den berüchtigten Insiderhandels-Skandalen der 1980er Jahre um die Finanziers Michael Milken und Ivan Boesky gehörte Ilan Reich zu den aufsehenerregendsten Tätern. Er war ein junger Partner der Wall-Street-Kanzlei Wachtell Lipton, der Tipps zu Deals an den Investmentbanker Dennis Levine weitergab. Reich bekannte sich schließlich des Wertpapierbetrugs schuldig und wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

Vor fast 30 Jahren bestätigte der Oberste Gerichtshof der USA zudem die von der Börsenaufsicht SEC erhobene Anklage wegen Insiderhandels gegen James O'Hagan, einen führenden Wirtschaftsanwalt aus Minnesota. Dieser hatte Aktien des Zielunternehmens erworben, nachdem er von einer bevorstehenden Übernahme erfahren hatte. Der Präzedenzfall aus diesem Verfahren bildet heute einen Eckpfeiler des US-Insiderhandelsrechts.

Digitalisierung schafft neue Angriffsflächen

Seitdem hat die Rechtsberatung bei Transaktionen nicht nur eine lukrative Expansion erfahren – die Digitalisierung von Mandantendaten hat zugleich eine neue Ära potenzieller Anfälligkeit eingeläutet. Den Anklageschriften im jüngsten Fall zufolge verschafften sich die mutmaßlichen Täter vertrauliche Details zu Deals, indem sie auf elektronische Dokumentenmanagementsysteme ihrer jeweiligen Kanzleien zugriffen – auch bei Angelegenheiten, an denen sie nicht direkt beteiligt waren. Der angeklagte Anwalt Nicolo Nourafchan plädierte am 1. Juni auf nicht schuldig.

„Die Frage, wie elektronische Mandantendaten ordnungsgemäß gesichert, geschützt und gespeichert werden, ist für alle Kanzleien und Anwälte zu einer großen Herausforderung geworden", sagt Devika Kewalramani, Partnerin bei FisherBroyles und Expertin für Rechtsethik. Sie betont, dass Kanzleien zwar die Wertpapiergesetze und Standesregeln einhalten müssen, die konkrete Umsetzung jedoch den Kanzleien selbst überlassen bleibt. „Es gibt keinen universellen oder einheitlichen Standard für all dies, der den Anwaltskanzleien auferlegt wird", warnt sie.

Technologie als Teil der Lösung

Während die Digitalisierung den Zugriff auf wesentliche, nicht öffentliche Informationen erleichtert hat, versuchen spezialisierte Unternehmen nun, Software als Teil der Lösung zu etablieren. Das in Massachusetts ansässige Unternehmen Congruity 360 plädiert für sogenannte „rollenbasierte Zugriffskontrollen", bei denen Anwendungen die Einsicht in sensible Dokumente nur denjenigen Mitgliedern des Deal-Teams ermöglichen, die diese tatsächlich benötigen. Darüber hinaus erklärt das Unternehmen, dass KI-Tools heute intelligente Warnmeldungen bei verdächtigen Aktivitäten erstellen können – etwa wenn ein Rechtsanwaltsfachangestellter einen Ordner öffnet, den er seit Monaten nicht mehr angerührt hat.

Trotz aller Überprüfungen, Schulungen und Überwachungsmaßnahmen räumen Experten ein, dass es keinen sicheren Weg gibt, um zu garantieren, dass Anwälte ihre beruflichen Verpflichtungen nicht verletzen. Die Gehälter in großen Wirtschaftskanzleien steigen jedes Jahr, wobei selbst Berufsanfänger Gehälter im deutlich sechsstelligen Bereich verdienen. Einige Beobachter haben dennoch auf den gesellschaftlichen Druck hingewiesen, in kompetitiven Städten wie New York den Schein zu wahren.

Das periodisch auftretende Problem des Insiderhandels in der Welt der Großkanzleien – im Englischen als „Big Law" bezeichnet – wird daher wahrscheinlich nie ganz verschwinden. „Niemand hat das Patentrezept. Hier geht es um Risikomanagement. Man kann alles tun, aber das Tempo, mit dem sich die Technologie bewegt, ist hoch", sagt Kewalramani. „Tatsache ist, dass es sehr schwer ist, so etwas zu entdecken, bevor es passiert ist."

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