Iran-Krieg: Warum der Ölpreis-Schock bislang ausblieb
Trotz Iran-Krieg notiert WTI-Öl unter 95 Dollar – weit unter den düstersten Prognosen. Goldman Sachs nennt drei entscheidende Dämpfungsfaktoren.

Der Ölmarkt hat bislang nicht die katastrophalen Preissteigerungen erlebt, vor denen viele Experten zu Beginn des Iran-Krieges gewarnt hatten. US-Rohöl der Sorte WTI notiert unter 95 Dollar pro Barrel – ein Niveau, das weit unter den extremsten Prognosen liegt, die zu Kriegsbeginn kursierten. Selbst US-Präsident Trump räumte ein, er habe aufgrund des Konflikts mit einem Ölpreis von 200 Dollar pro Barrel gerechnet.
Die Rohöl-Futures liegen zwar über dem Vorkriegsniveau, haben sich aber von ihren kriegsbedingten Hochs deutlich erholt. Goldman Sachs führt diese Widerstandsfähigkeit auf drei zentrale Faktoren zurück: eine geringere Risikoprämie, den Abbau von Lagerbeständen sowie eine Mäßigung bei Spot-Käufen. Bemerkenswert ist dabei, dass sich die Durchflussmengen durch die Straße von Hormus – über die rund 20 Prozent des weltweiten Öls transportiert werden – kaum verbessert haben.
Ein wichtiger Hinweis für Anleger: Die physischen Ölpreise liegen höher als die Futures-Preise. Da Investoren jedoch keine physischen Fässer handeln, spiegelt diese Diskrepanz die Markterwartung wider, dass der Krieg bald beendet sein wird.
Investoren setzen auf baldige Konfliktlösung
Ein entscheidender Wendepunkt für die Finanzmärkte war der 7. April, als Trump einen vorübergehenden Waffenstillstand zwischen den USA und dem Iran ankündigte – die Ölpreise brachen daraufhin ein. Das Signal: Trump sucht nach einem Ausweg und reagiert sensibel auf Marktreaktionen.
Tom Graff, CIO beim Vermögensverwalter Facet, wies gegenüber Business Insider darauf hin, dass die Benzinpreise eine entscheidende politische Grenze darstellen – insbesondere in einem Jahr mit Zwischenwahlen. Er geht davon aus, dass die Ölpreise ihren Höhepunkt wahrscheinlich bereits erreicht haben. Steigende Benzinpreise könnten Trump jedoch zusätzlich unter Druck setzen, den Krieg rasch zu beenden.
Auch aus der Industrie kommen beruhigende Signale: Neal Dingmann, Energieanalyst bei William Blair, bezeichnete es als „sehr aussagekräftig", dass Explorations- und Produktionsunternehmen ihre Pläne zur Aufstellung neuer Bohrtürme nicht ändern. Dies signalisiert, dass die Branche nicht mit einer länger als einige Monate andauernden Ölunterbrechung rechnet.
Lagerbestände und gedämpfte Nachfrage stabilisieren den Markt
Vorkriegliche Ölvorräte spielen eine wichtige Rolle bei der Preisstabilisierung. Nationen und Unternehmen greifen auf ihre Reserven zurück, in der Erwartung einer baldigen Normalisierung der Lieferströme durch die Straße von Hormus. Vikas Dwivedi, globaler Ölstratege bei der Macquarie Group, beschrieb die Ausgangslage treffend: Der Weltmarkt wies vor dem Konflikt einen Überschuss auf – vergleichbar damit, „gut genährt in den Winter zu gehen". Hinzu kommt, dass die Weltwirtschaft heute weniger ölabhängig ist als in früheren Jahrzehnten, was den Schock abfedert.
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Zur AktienanalyseAuch auf der Nachfrageseite zeigen sich dämpfende Kräfte. Die Spot-Käufe von Öl – also der Erwerb von physischem Rohöl zur sofortigen Lieferung – haben sich laut Goldman Sachs abgeschwächt. Raffinerien, die über ausreichende Vorräte verfügen, sind bereit, einige Monate zu warten, bevor sie neue Käufe tätigen. Dwivedi ergänzte, dass der Konflikt zufällig mit der globalen Wartungssaison für Raffinerien zusammenfällt, was eine Kaufzurückhaltung zusätzlich erleichtert.
Erste Anzeichen von Nachfragezerstörung zeigen sich zudem in asiatischen Märkten, die stärker auf Öllieferungen aus dem Nahen Osten angewiesen sind. Dort reagieren Verbraucher und Industrie bereits auf die höheren Preise mit einem Rückgang des Verbrauchs.
Trotz dieser drei dämpfenden Faktoren warnen Experten, dass ein künftiger starker Preisanstieg in den mittleren bis hohen dreistelligen Bereich nicht ausgeschlossen ist. Der Iran-Krieg war bislang weitgehend unvorhersehbar. Anleger sollten daher weiterhin ein sogenanntes Tail-Risk-Szenario – also ein extremes, aber unwahrscheinliches Negativereignis – im Blick behalten.


