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Kevin Warsh übernimmt Fed inmitten wachsender Inflationssorgen

Der neue Fed-Chef steht vor einem Inflationsproblem: Ölpreise, Zweitrundeneffekte und geopolitische Unsicherheiten prägen den Ausblick.

Kevin Warsh übernimmt Fed inmitten wachsender Inflationssorgen

Kevin Warsh wird in weniger als drei Wochen zum ersten Mal in seiner offiziellen Funktion als neuer Vorsitzender der Federal Reserve sprechen. Er übernimmt eine Zentralbank, die ihr Inflationsziel seit fünf Jahren verfehlt hat – und das in einem denkbar schwierigen Umfeld. Der wirtschaftliche Ausblick für die USA bleibt eng mit den Ereignissen im Nahen Osten verknüpft.

Ein Abkommen zur Verlängerung des fragilen Waffenstillstands mit dem Iran könnte zwar bald zustande kommen, doch ein dauerhafter Friedensschluss bleibt in weiter Ferne. Währenddessen verharren die Ölpreise auf hohem Niveau, und die Sorgen vor Zweitrundeneffekten bei der Inflation nehmen zu. Genau in diesem Spannungsfeld muss Warsh seine erste geldpolitische Positionierung finden.

Zinssenkungen im Juni immer unwahrscheinlicher

Es erscheint zunehmend wahrscheinlich, dass der geldpolitische Ausschuss der Fed – ungeachtet der persönlichen Meinung des neuen Vorsitzenden – Zinssenkungen bei der Sitzung am 17. Juni von der Agenda streichen wird. Die Ablehnung weiterer Zinssenkungen unter den Entscheidungsträgern wächst spürbar. Daten zu den persönlichen Konsumausgaben (PCE) verdeutlichten das Übergreifen der höheren Energiepreise auf andere Wirtschaftsbereiche: Die Kernrate der PCE-Inflation stieg im April auf 3,3 Prozent an.

Besonders auffällig ist der Preisanstieg im Technologiebereich. Die steigenden Preise für Technologieausrüstung im Zuge des KI-Ausbaus dürften sich als besondere Quelle für Aufwärtsdruck bei Verbrauchertechnologie erweisen – die Chippreise stiegen im April um 10 Prozent. Dies ist ein Faktor, der in der geldpolitischen Debatte bislang wenig Beachtung fand.

Entscheidend für das Ausmaß der Zweitrundeneffekte ist die Frage, wie Unternehmen die höheren Kosten an die Verbraucher weitergeben. Angesichts von Unternehmensgewinnmargen auf Rekordniveau zeigen die Firmen kaum Anzeichen dafür, dass sie den Anstieg der Energiepreise selbst auffangen werden. Analysen zeigen, dass die Erwartungen für das Preiswachstum in Unternehmen seit Beginn des Iran-Krieges sprunghaft angestiegen sind, da Führungskräfte beabsichtigen, ihre Gewinne zu schützen und höhere Kosten weiterzugeben. Je erfolgreicher sie dabei sind, desto größer ist das Risiko einer neuen Preis-Lohn-Spirale.

Analysten revidieren Fed-Erwartungen deutlich

Der Consensus-Tracker für Analystenmeinungen zeigt, dass Prognostiker dem Widerstand der Fed-Mitglieder gegen die „Lockerungstendenz" gefolgt sind. In der Umfrage vom Mai erwarteten sie, dass die Fed die Zinsen im Jahr 2026 unverändert lassen wird – im April hatten sie noch mit einer einzigen Senkung gerechnet. Dieses Ergebnis ist dennoch expansiver als die Märkte, die zunehmend die Chance einer einzelnen Zinserhöhung bis zum Jahresende einpreisen.

Auch in Großbritannien zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. Britische Unternehmen erwarten, höhere Preise an ihre Kunden weiterzugeben, rechnen aber gleichzeitig nicht mit höheren Löhnen. Dies spiegelt den Zustand des Arbeitsmarktes wider: Die Arbeitslosigkeit steigt, und die Gehälter im Privatsektor sind auf ein Fünfjahrestief gefallen. Goldman Sachs erwartet, dass der geldpolitische Ausschuss der Bank of England die Zinsen in diesem Jahr unverändert lässt – begründet mit der Prognose sinkender Energiepreise, einer weiteren Abschwächung des Arbeitsmarktes und der Interpretation der Politiksimulationen durch BoE-Gouverneur Andrew Bailey.

EZB neigt zur Zinserhöhung – Friedensabkommen könnte bremsen

In der Eurozone lieferte die unerwartete Nachricht, dass das Bruttoinlandsprodukt Frankreichs im ersten Quartal geschrumpft ist, weitere Anzeichen für eine Schwäche im Währungsraum. Dennoch scheint die EZB bei ihrer Sitzung im Juni zu einer Zinserhöhung zu neigen. Die Märkte preisen eine Chance von mehr als 90 Prozent ein, dass die Zentralbank die Zinsen auf 2,25 Prozent anheben wird. Prognostiker betrachten dies als die erste von zwei „Versicherungsmaßnahmen" gegen die Energieinflation, welche die EZB in diesem Jahr ergreifen wird. Ein Friedensabkommen zwischen dem Iran und den USA könnte die Entscheidungsträger jedoch von diesem Schritt abbringen.

Zusätzlich verstärken Warnungen vor dem Eintreffen eines starken El-Niño-Wetterphänomens die Befürchtungen, dass die Lebensmittelpreise nach dem Iran-Krieg weiter steigen werden. Zur Einordnung: Die Inflation bei Nahrungsmittelpreisen erreichte etwa sechs Monate nach dem Ölpreisschock von 2022 infolge der russischen Invasion in der Ukraine ihren Höhepunkt. Währungshüter sind zunehmend besorgt über die Auswirkungen markanter Lebensmittelpreise auf die Inflationserwartungen.

Wichtige Datenpunkte in der laufenden Woche

In den kommenden Tagen stehen mehrere wichtige Wirtschaftsdaten auf dem Programm:

Dienstag

: Erste Schätzung der Eurozone-Inflation für Mai – erwartet wird ein Anstieg von 3,0 auf 3,2 Prozent

Dienstag

: US-Daten zu offenen Stellen für April – erwartet werden 6,8 Millionen Stellenangebote

Mittwoch

: Beige Book der Fed

Freitag

: US-Beschäftigungsdaten (Payrolls) – erwartet werden 85.000 neu geschaffene Stellen außerhalb der Landwirtschaft nach 115.000 im April; Arbeitslosenquote voraussichtlich stabil bei 4,3 Prozent

Diese Daten werden maßgeblich beeinflussen, wie die großen Zentralbanken ihre nächsten geldpolitischen Schritte kommunizieren – und wie Warsh seinen Einstand als neuer Fed-Chef gestalten wird.

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