KI-Boom treibt Big Tech zu Rekordanleihen außerhalb der USA
Alphabet und Amazon setzen mit Milliarden-Emissionen in Euro, Franken und Yen neue Maßstäbe an globalen Unternehmensanleihemärkten.

Die Finanzierung der Künstlichen Intelligenz verändert die globalen Anleihemärkte grundlegend. Von Europa über Japan bis in die Schweiz emittieren Tech-Giganten wie Alphabet und Amazon in einem historischen Ausmaß Anleihen außerhalb der USA – und stellen dabei reihenweise Rekorde auf. Der Hintergrund: Die sogenannten Hyperscaler planen, in den kommenden Jahren Billionen von US-Dollar in KI-Infrastruktur, insbesondere in Rechenzentren, zu investieren.
Amazon hob im März 14,5 Milliarden Euro durch ein achtteiliges Anleihegeschäft ein – laut dem Datenanbieter LSEG das größte Geschäft, das jemals am Euro-Unternehmensanleihenmarkt platziert wurde. Alphabet brach ebenfalls Rekorde: Emissionen in japanischen Yen, kanadischen Dollar, Schweizer Franken und britischen Pfund Sterling stellten jeweils neue Emissionsrekorde in diesen Währungen auf. Bis Ende April war Alphabet nach nur einer Emissionsrunde bereits zum viertgrößten Kreditnehmer im Sterling-Unternehmensanleihenindex von ICE BofA und zum sechstgrößten in Schweizer Franken aufgestiegen.
Diversifizierung als strategisches Ziel
Die Strategie hinter diesen Emissionen ist laut Bankern klar: Durch die frühzeitige Diversifizierung ihrer Finanzierungsquellen wollen die Hyperscaler ihre Abhängigkeit vom US-Dollar-Markt reduzieren. Die Aufnahme von Schulden in Fremdwährungen hilft den Unternehmen zudem, das Währungsrisiko ihrer globalen Vermögenswerte abzusichern. Gleichzeitig profitieren sie von den relativ niedrigeren Kreditkosten in Regionen wie Europa.
„Wenn man das Investitionstempo dieser Unternehmen betrachtet und zwölf Monate vorausblickt, werden einige dieser Firmen bereits zu den weltweit größten Emittenten in jeglicher Währung gehören", sagte Giulio Baratta, Co-Leiter für Investment-Grade-Finanzierungen bei BNP Paribas. Baratta leitete gemeinsam mit JPMorgan die jüngsten Deals für Alphabet und Amazon. John Servidea, globaler Co-Leiter für Investment-Grade-Finanzierungen bei JPMorgan, ergänzte: „Viele dieser Märkte, einschließlich des Euro-Marktes, haben sich weiterentwickelt und bieten heute viel mehr Tiefe und Möglichkeiten für größere Kapitalaufnahmen, als dies historisch der Fall war."
In Europa haben Alphabet und Amazon dazu beigetragen, die Kreditaufnahme von US-Nicht-Finanzunternehmen in diesem Jahr auf über 60 Milliarden Euro zu treiben – ebenfalls ein neuer Rekord. Morgan Stanley erwartet für das Gesamtjahr eine Kreditaufnahme der Hyperscaler in Euro-Anleihen von rund 50 Milliarden Euro. Dies könnte dazu führen, dass die USA Frankreich als wichtigste Quelle für Unternehmensanleihen in der Eurozone ablösen.
Anleger bauen KI-Engagement über Anleihemärkte auf
Auch auf der Investorenseite verändert sich das Bild. Anleger sind bestrebt, ein Engagement im Bereich KI an den internationalen Anleihemärkten aufzubauen, wo Technologieunternehmen zuvor nur begrenzt präsent waren. Nicolas Forest, Chief Investment Officer bei Candriam, kauft beispielsweise Euro-Deals von Hyperscalern, um ein Technologie-Engagement am europäischen Anleihenmarkt aufzubauen. Laut Bank of America haben Hyperscaler ihre Nicht-Dollar-Emissionen in diesem Jahr auf 30 Prozent ihrer gesamten Anleihenfinanzierung verdoppelt.
Servidea von JPMorgan betonte, dass die Kapitalaufnahme im Ausland Big Tech ermöglicht, längere Zeiträume verstreichen zu lassen, bevor sie den US-Markt anzapfen – und dabei Zinssätze zu erzielen, die in einigen Fällen günstiger als am US-Dollar-Markt oder zumindest vergleichbar sind. Baratta von BNP Paribas ergänzte, dass diese Unternehmen die aufgenommenen Mittel hauptsächlich in der jeweiligen Emissionswährung behalten, anstatt sie in US-Dollar zurückzutauschen.
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Zur AktienanalyseRisiken durch wachsende Technologieabhängigkeit
Die zunehmenden Technologie-Emissionen bringen jedoch auch neue Risiken mit sich. Mit wachsendem Anteil der Hyperscaler werden die Unternehmensanleihemärkte außerhalb der USA stärker von Entwicklungen im Technologiesektor abhängig. Analysten sehen bereits Anzeichen dafür, dass Hyperscaler-Anleihen schlechter abschneiden als der breitere US-Unternehmensanleihenmarkt – eine hohe Verschuldung kann die Anleihen eines Kreditnehmers belasten.
„Sollte es Probleme mit KI geben, wird dies wahrscheinlich zu mehr Volatilität führen", warnte David Zahn, Leiter für europäische festverzinsliche Wertpapiere bei Franklin Templeton. Für deutsche Privatanleger bedeutet dies: Der europäische Unternehmensanleihenmarkt bietet künftig mehr Möglichkeiten, am KI-Boom zu partizipieren – allerdings verbunden mit einem neuen Risikokonzentrationsprofil, das bisher in dieser Form nicht existierte.


