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KI in der Flugsicherung: Revolution oder Vertrauensfrage?

Wachsender Flugverkehr und Lotsen-Mangel treiben die Suche nach KI-Lösungen – doch Skepsis bleibt groß.

KI in der Flugsicherung: Revolution oder Vertrauensfrage?

Die Flugsicherung steckt in einem Dilemma: Der globale Flugverkehr boomt seit der Covid-19-Pandemie, doch die Infrastruktur am Boden hinkt Jahrzehnte hinterher. Während moderne Flugzeuge über satellitengestützte Systeme verfügen, die ihre Position auf wenige Meter genau bestimmen können, arbeiten viele Fluglotsen noch immer mit Methoden aus den 1960er-Jahren. In den USA sind Papierstreifen zur Identifikation einzelner Flugzeuge nach wie vor weit verbreitet.

„Wir betreiben die Flugsicherung immer noch so, als wäre es das Jahr 1962", sagt Andrew Charlton, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Aviation Advocacy. „Man hat Flugzeuge mit dem technologischen Niveau von Smartphones, aber ein analoges System am Boden." Diese Diskrepanz wird zunehmend zum Problem – und künstliche Intelligenz gilt als mögliche Antwort.

Drohende Krise durch Lotsen-Mangel

Die Ausbildung eines Fluglotsen dauert Jahre und kostet Hunderttausende Pfund. Nicht alle Kandidaten bestehen die Abschlussprüfungen, und viele erfahrene Lotsen gehen nach Jahren mit hohem Einkommen vorzeitig in den Ruhestand. Gleichzeitig wächst der Flugverkehr in einem Boom, von dem Experten glauben, dass er erst in Jahren abflauen wird. Es werde „viele, viele weitere Flugzeuge" geben, warnt Charlton. „Wenn wir nichts unternehmen, steuern wir auf eine Krise zu."

KI verspricht hier Abhilfe: Rechenleistung kann riesige Datenmengen verarbeiten und potenzielle Kollisionen erkennen, lange bevor sie eintreten. Dies könnte die Arbeitsbelastung der Lotsen – eine Rolle, die für Stress, Überarbeitung und Erschöpfung bekannt ist – erheblich verringern und es jedem Lotsen ermöglichen, mehr Flugzeuge gleichzeitig zu überwachen.

Luke Gotszling, CEO von NoamAI, einem Unternehmen das ein KI-basiertes Flugsicherungssystem entwickelt hat, beschreibt das Potenzial: „Die Flugsicherung ist eine der komplexesten und verantwortungsvollsten Umgebungen, auf die sich täglich Millionen von Menschen verlassen." Sein Unternehmen zielt darauf ab, das Personal der Flugsicherung gezielt zu entlasten.

Was KI konkret leisten kann

Eine Gruppe chinesischer Akademiker untersuchte im vergangenen Jahr die Möglichkeiten von KI in der Flugsicherung und veröffentlichte ihre Ergebnisse im Journal of the Air Transport Research Society. Demnach ist KI heute in der Lage, ein breites Spektrum an Aufgaben zu übernehmen: prädiktive Analysen, die Optimierung von Flugrouten, die Reduzierung des Treibstoffverbrauchs und die Minimierung von Verspätungen.

Die Technologie könne laut den Forschern die Arbeitsbelastung bei der Konflikterkennung und -lösung, der Ankunftssequenzierung sowie der Flughafenüberwachung unterstützen – indem sie die Verantwortlichkeiten von aktiven Interventionen hin zur reinen Überwachung verlagert. Doch die befragten Fluglotsen zeigten sich skeptisch und waren „nicht zuversichtlich, die vorhergesagte Strategie zu akzeptieren". Zudem stellten die Akademiker fest, dass ein bloßer Übergang zur Verifizierung von KI-Vorschlägen zu keinen nennenswerten Einsparungen führen würde.

In Großbritannien hat der nationale Flugsicherungsdienst NATS (National Air Traffic Services) das Projekt Bluebird ins Leben gerufen. Es soll untersuchen, wie KI die Branche unterstützen kann. Das Projekt setzt auf Techniken des digitalen Zwillings und maschinelles Lernen, um auf Basis historischer Daten Flugverkehrsszenarien abzubilden und zu simulieren. Ziel ist es, Lotsen in realen Situationen zu beraten und ihnen Daten zu liefern, um bessere Entscheidungen zu treffen. Die Technologie soll auch Flugbahnen projizieren und berechnen, wo sogenannte „Konflikte" – der Branchenbegriff für potenzielle Kollisionen – auftreten könnten.

Mensch bleibt unverzichtbar

Trotz aller technologischen Möglichkeiten ist NATS-Forschungsleiter Paul Hosmer klar in seiner Einschätzung: „Wir glauben nicht, dass KI die Fluglotsen ersetzen wird. Man wird immer Menschen brauchen. Ich glaube nicht, dass man einer Maschine zutrauen wird, dies zu unseren Lebzeiten zu tun."

Neue Technologien übernehmen bereits Aufgaben abseits der vordersten Front. Realitätsgetreue Simulationen ermöglichen es, potenzielle Rekruten zu testen, ohne teure Ausrüstung zu blockieren. Flugzeuge produzieren während des Fluges riesige Datenmengen, und jeder Flugplan wird im Voraus zusammen mit Wetterwarnungen und möglichen Ausweichmanövern protokolliert. Die Verarbeitung dieser Daten – früher eine manuelle Aufgabe – ist ein Bereich, in dem KI bereits heute wertvolle Unterstützung leisten könnte.

Das Fernglas an der Wand des Kontrollturms am Flughafen Gatwick bleibt damit ein treffendes Symbol: Trotz aller digitalen Systeme gibt es manchmal keinen Ersatz für das menschliche Auge – und das menschliche Urteilsvermögen.

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