KPMG Australien: Formelle ASIC-Untersuchung nach Datenmissbrauch-Skandal
Die australische Finanzaufsicht ASIC ermittelt offiziell gegen KPMG Australia – wegen des mutmaßlichen Missbrauchs vertraulicher Kundendaten bei Auftragsvergaben.

Die australische Wertpapier- und Investitionskommission ASIC (Australian Securities and Investments Commission) hat ihre Untersuchung gegen KPMG Australia auf eine formelle Ermittlung hochgestuft. Auslöser sind schwerwiegende Whistleblower-Vorwürfe, wonach KPMG-Partner vertrauliche Kundendaten missbraucht haben sollen, um sich bei der Vergabe von Prüfaufträgen einen unlauteren Vorteil zu verschaffen. Der Schritt der Aufsichtsbehörde kommt zu einem besonders kritischen Zeitpunkt für die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.
Die Vorwürfe wurden erstmals im März von Senatorin Deborah O'Neill öffentlich gemacht. Konkret geht es um den Vorwurf, dass KPMG-Partner vertrauliche Vorstandsunterlagen des Immobilienunternehmens Lendlease genutzt haben sollen, um sich Vorteile bei der Akquise von Prüfmandaten für die Banken Westpac und den Immobilienkonzern Dexus zu sichern. ASIC-Chefin Sarah Court bestätigte einem Senatsausschuss, dass die Behörde von einer im April eingeleiteten Voruntersuchung zu einer formellen Ermittlung übergegangen ist.
Drei Wirtschaftsprüfer im Fokus der Behörde
Derzeit umfasst die Untersuchung drei registrierte Unternehmensrevisoren. Court nannte die Partner Paul Rogers und Eileen Hoggett als zwei der betroffenen Personen, betonte jedoch, dass die Ermittlung ein „sich ständig veränderndes Bild" sei – der Kreis der Verdächtigen könnte sich also noch ausweiten. ASIC hat bereits mehrere Zwangsauskunftsersuchen an die Kanzlei gestellt, um Beweise zu sichern.
Trotz der Schwere der Vorwürfe stößt die Aufsichtsbehörde an rechtliche Grenzen. Court äußerte „tiefe Bedenken" hinsichtlich des Verhaltens, machte aber deutlich, dass die Behörde aufgrund der Partnerschaftsstruktur von KPMG ihre Sanktionsbefugnisse weitgehend nur gegenüber einzelnen Wirtschaftsprüfern, nicht aber gegenüber der Gesellschaft als solcher ausüben kann. Dies ist eine strukturelle Schwäche im australischen Regulierungsrahmen, die nun offen zutage tritt.
KPMG hatte zunächst eine interne Untersuchung der Whistleblower-Vorwürfe durchgeführt, die angeblich keine Verfehlungen ergeben hat. Angesichts des wachsenden Drucks und der Rücktritte der Unternehmensführung hat die Gesellschaft nun die Anwaltskanzlei Allens mit einer neuen, unabhängigen externen Untersuchung beauftragt. Eileen Hoggett ist inzwischen von ihrer Führungsrolle als Chief Operating Officer zurückgetreten, bleibt aber weiterhin als Prüfungspartnerin im Unternehmen tätig. Weder Rogers noch Hoggett haben sich öffentlich zu den Vorwürfen geäußert.
Großkunden distanzieren sich von KPMG
Der Skandal hat eine Welle der Beunruhigung unter KPMGs wichtigsten Kunden ausgelöst und zieht Vergleiche zum PwC-Australia-Skandal aus dem Jahr 2023, der damals ebenfalls zum Verlust mehrerer Großmandate geführt hatte. Die Reaktionen prominenter Institutionen sprechen eine deutliche Sprache:
Dexus:
Das Immobilienunternehmen hat bestätigt, dass Eileen Hoggett den Jahresabschluss 2026 nicht unterzeichnen wird – ein klares Signal der Distanzierung.
Reserve Bank of Australia (RBA):
Notenbankgouverneur Michele Bullock bestätigte, dass die Zentralbank KPMG nicht für ihren Whistleblower-Servicevertrag neu beauftragt. Zudem beabsichtigt die RBA, einen weiteren laufenden KPMG-Vertrag für die Auslandsrekrutierung neu auszuschreiben.
REST:
Der australische Pensionsfonds mit einem Vermögen von 105 Milliarden australischen Dollar, der KPMG für interne Prüfungs- und Steuerdienstleistungen nutzt, hat öffentlich erklärt, dringend Klarheit von der Gesellschaft zu den Vorwürfen zu fordern.
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Zur AktienanalyseAuch ASIC selbst ergreift Vorsichtsmaßnahmen: ASIC-CEO Scott Gregson bestätigte, dass die Behörde von KPMG spezifische Zusicherungen eingeholt hat, um sicherzustellen, dass keine mit dem Skandal in Verbindung stehenden Partner in aktive Verträge mit der Aufsichtsbehörde eingebunden sind.
Reputationskrise mit weitreichenden Folgen
Der Fall stellt KPMG Australia vor eine doppelte Herausforderung: Die Gesellschaft muss gleichzeitig mit einer formellen Regulierungsuntersuchung kooperieren und das Vertrauen ihrer verbleibenden Mandanten erhalten. Der Rücktritt von CEO und Prüfungschef in der vergangenen Woche hat die Aufsichtsbehörde dazu veranlasst, ihre Kontrolle zu intensivieren.
Die Kombination aus parlamentarischer Kontrolle, regulatorischen Eingriffen und dem proaktiven Rückzug großer Institutionen deutet darauf hin, dass der finanzielle Schaden durch den Skandal erheblich und langanhaltend sein könnte. Für die internationale Wirtschaftsprüfungsbranche ist der Fall ein weiteres Warnsignal: Nach dem PwC-Skandal steht nun erneut eine der „Big Four"-Gesellschaften im Mittelpunkt einer schwerwiegenden Vertrauenskrise.

