Londons Finanzplatz: Wo steht Großbritannien wirklich global?
Ein neues Daten-Ranking zeigt: London ist beim internationalen Finanzgeschäft Weltklasse – aber nicht überall.

London gilt als eines der bedeutendsten Finanzzentren der Welt. Im Global Financial Centres Index (GFCI) liegt die britische Hauptstadt nur einen einzigen Punkt hinter New York – und damit auf Platz zwei weltweit. Doch dieser Index basiert laut Kritikern vor allem auf „Vibes", also auf subjektiven Stimmungseinschätzungen der Marktteilnehmer.
Der Londoner Thinktank New Financial hat nun eine datenbasierte Alternative vorgelegt. Alle fünf Jahre erhebt die Organisation umfangreiche Kennzahlen, die ausschließlich auf tatsächlicher Marktaktivität beruhen – und bewertet dabei ganze Länder statt einzelner Städte. Die aktuellen Ergebnisse wurden jetzt veröffentlicht und zeichnen ein differenziertes Bild.
Inländisches Finanzzentrum: Großbritannien auf Platz vier
Beim sogenannten „Domestic Financial Centre Score" – also der Fähigkeit, die eigene Volkswirtschaft zu finanzieren – belegt das Vereinigte Königreich lediglich den vierten Platz. Hinter den USA, die mit großem Abstand führen, folgen weitere Schwergewichte der Weltwirtschaft. Das Ergebnis überrascht kaum: Wer eine große Volkswirtschaft hat, hat in der Regel auch ein großes heimisches Finanzsystem.
Die Methodik von New Financial ist dabei transparent: Für jedes Land werden 30 Einzelmetriken auf einer Skala von 0 bis 100 bewertet, wobei der Spitzenreiter jeweils 100 Punkte erhält. Beim Rentenvermögen etwa verfügten die USA im Dreijahresdurchschnitt bis 2025 über rund 46 Billionen US-Dollar – und erhalten damit die Höchstpunktzahl. Das Vereinigte Königreich kommt im gleichen Zeitraum auf rund 3 Billionen US-Dollar, was lediglich 6 Prozent des US-Wertes entspricht – und damit auch nur 6 von 100 möglichen Punkten in dieser Kategorie.
Dieses Beispiel verdeutlicht die Grenzen des Ansatzes: Ob das Volumen des Rentenvermögens gleich gewichtet werden sollte wie etwa das Emissionsvolumen nachhaltigkeitsbezogener Kredite, lässt sich durchaus hinterfragen. New Financial selbst räumt ein, dass die Auswahl und Gewichtung der Metriken das Gesamtergebnis beeinflussen kann.
Internationales Geschäft: London holt Silber
Ein ganz anderes Bild ergibt sich beim internationalen Finanzgeschäft. Hier bewertet New Financial, wie gut ein Land mobile, grenzüberschreitende Finanzaktivitäten anzieht – also Bereiche, in denen Unternehmen und Institutionen ihren Standort frei wählen können. Dazu zählen etwa der Devisenhandel, der Derivatehandel, internationale Bankforderungen und die Emission internationaler Unternehmensanleihen.
In dieser Kategorie belegt das Vereinigte Königreich den zweiten Platz – hinter den USA, aber vor allen anderen Ländern. Besonders stark ist London bei Währungen und Derivaten sowie bei internationalen Bankforderungen und Unternehmensanleiheemissionen, wo es sogar die Führungsposition übernimmt. Der Grund liegt auf der Hand: Wer einen Handelstisch für außerbörsliche Devisenderivate einrichten will, kann das theoretisch in Mailand, Tokio oder Dubai tun – wird aber aufgrund der vorhandenen Infrastruktur und des Talentpools sehr wahrscheinlich London wählen.
Lediglich im Bereich Asset Management – einschließlich Hedgefonds und Private Equity – liegen die USA so weit vorne, dass kein anderes Land ernsthaft mithalten kann. Hier ist der Vorsprung der Amerikaner nach wie vor enorm.
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Zur AktienanalyseFazit: Stärken und Schwächen klar erkennbar
Das Ranking von New Financial liefert ein nüchternes, aber aufschlussreiches Bild des britischen Finanzplatzes. Als Finanzierungsmaschine für die eigene Volkswirtschaft ist Großbritannien solide, aber nicht außergewöhnlich. Als internationales Finanzzentrum für mobile, grenzüberschreitende Geschäfte hingegen ist London nach wie vor eine globale Ausnahmeerscheinung – in mehreren Nischen sogar nahezu konkurrenzlos.
Für deutsche Anleger und Marktteilnehmer ist das relevant: London bleibt trotz Brexit der wichtigste europäische Knotenpunkt für viele internationale Finanzprodukte und -dienstleistungen. Die Daten zeigen, dass dieser Status nicht nur auf Reputation beruht, sondern auf messbarer Marktaktivität.


