Mailänder Männermodewoche: Pragmatismus und Tragbarkeit dominieren Frühjahr 2027
Auf der Mailänder Männermodewoche setzen Designer für Frühjahr/Sommer 2027 auf Kundennähe, Tragbarkeit und kommerzielle Stärke statt auf Avantgarde.

Die Mailänder Männermodewoche für die Saison Frühjahr/Sommer 2027 hat ein klares Signal gesendet: Der Kunde steht im Mittelpunkt. Statt experimenteller Avantgarde dominierten Pragmatismus, Leichtigkeit und Tragbarkeit die Kollektionen der vergangenen Woche. Die Designer mieden bewusst Trends des „Groupthinks" und konzentrierten sich stattdessen auf ihre jeweiligen Stammkunden – die sogenannten VICs (Very Important Clients).
Das bedeutet keineswegs, dass die Schauen langweilig oder beliebig waren. Vielmehr gingen die Modehäuser höchst individuelle Wege und bedienten ihre treuen Kundensegmente mit unverwechselbaren Handschriften. Das Ergebnis: eine Saison, in der die Modemarken taten, was sie am besten können sollten – Kleidung verkaufen.
Zegna und Thom Browne: Zwei Welten unter einem Dach
Alessandro Sartoris Label Zegna verlegte seine Präsentation nach Los Angeles, um neue Umsätze zu erschließen. Die USA bleiben ein zentraler Markt und sind für viele Marken angesichts der Lage im Nahen Osten oft der einzige Lichtblick in den Umsatzzahlen. Für die Show wurden 120 VICs eingeflogen, die fünf Tage Zeit hatten, die Kollektion zu bestellen – dabei wurde das halbe Hotel Château Marmont in einen exklusiven Verkaufsraum verwandelt. Diese Kunden durften sogar noch vor den Zegna-Boutiquen und Großhändlern bestellen.
Die Kollektion selbst überzeugte mit speziell gewebten Materialien, leicht nostalgischen Silhouetten aus den 1960er- und 1970er-Jahren, lockeren Sakkos und knisternder Seide von historischen Webstühlen. Viele leichte Lagen komplettierten das Bild – präsentiert auf einem Pier in Venedig bei Sonnenuntergang.
Ganz anders das Bild bei Thom Browne, ebenfalls aus dem Zegna-Konzern: Männer in Lackleder-Humpelröcken, hochhackigen Brogues und Imkerschleiern stolzierten durch grelles Sonnenlicht. Die filmische Referenz war laut Browne der Pixar-Film „Das große Krabbeln" – erkennbar an Stickereien von Bienen, Ameisen und Grashüpfern. Browne betonte ausdrücklich: „Können Sie den Leuten bitte sagen, dass ich Farbe mache?" Und das tat er – mit Sektionen in Rot, Weiß und Blau sowie zuckrigen Cassata-Pastelltönen. Trotz der theatralischen Elemente war dies eines der ruhigeren und verkaufsfähigeren Angebote von Browne, stark angelehnt an den Preppy-Stil der amerikanischen Ostküste mit Seersucker, Krawatten und knitterfreien Hemden.
Ralph Lauren, Paul Smith und Dolce & Gabbana
Ralph Laurens Kollektion kombinierte Altes und Neues: Sweatshirts mit geknoteten Krawatten und Taschenuhrketten über Patchwork-Denim-Westen standen neben messerscharfen Anzügen. Der Ausdruck des amerikanischen College-Stils war beeindruckend, einzelne Stücke wirkten jedoch etwas manieriert.
Paul Smith blickte ebenfalls in die Vergangenheit – konkret in die 1980er-Jahre. Er hängte alte Bilder seiner breitgeschulterten Anzüge aus diesem Jahrzehnt auf, zusammen mit Entwürfen für leuchtend bedruckte „Power Ties". Seine jüngeren Kunden seien vom Archiv begeistert gewesen, so Smith. Die Stoffe waren bewusst leicht gewählt: sommerlicher Donegal-Tweed, hauchdünne Wolle und Seide gemischt mit Tencel. Smith, der bekanntermaßen noch immer Wochenenden auf der Verkaufsfläche seines Londoner Geschäfts in der Albemarle Street verbringt, berichtete, dass dort am vergangenen Wochenende 12 Anzüge verkauft wurden.
Dolce & Gabbana präsentierten eine ansehnliche Show rund um das Thema sizilianischer Urlaub – mit einer projizierten Lagune, kurzen Badeshorts, Espadrilles und Anzügen mit farbenfrohen Korallen- und Algenstickereien. Es war die erste Kollektion, seit das Label den ehemaligen Gucci-Manager Stefano Cantino zum Co-CEO ernannt hat und Stefano Gabbana sich aus seinen Unternehmensfunktionen zurückgezogen hat, um sich auf das Kreative zu konzentrieren. Die Show versprühte spürbar neuen Elan und Energie.
Prada setzt auf Klarheit – und könnte den Markt neu definieren
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Zur AktienanalyseMiuccia Prada und Raf Simons, die großen Konzeptkünstler Mailands, hatten ebenfalls die Kunden im Blick. „Wir möchten, dass die Leute auf der Straße unsere Kleidung tragen", sagte Simons. „Das ist unser Job", ergänzte Prada pragmatisch. Ihre Kollektion mit dem Titel „Clarity" konzentrierte sich auf eine schmale Silhouette und eine begrenzte Auswahl an Kleidungsstilen. Alle Hosen waren Five-Pocket-Röhrenjeans aus Materialien von transparentem Nylon bis hin zu bedruckter Wolle – eine Silhouette, die Simons und Prada erstmals in den 1990er-Jahren vorschlugen.
Prada verzichtete bewusst auf „nutzloses Design" – ihr derzeitiges erklärtes Ärgernis. Angesichts des enormen Einflusses des Hauses könnte dies das Ende eines Jahrzehnts von übergroßer XXL-Kleidung einläuten. Ob Oversized tatsächlich vorbei ist, wird die Zeit zeigen.
Den größten Publikumserfolg sicherte sich traditionell Giorgio Armani. Die Marke bedient seit über einem Jahrzehnt konsequent ihre Stammkunden mit verlässlicher Fortführung der Kernstile: Schneiderkunst mit abfallenden Schultern, weit geschnittene Sakkos und eine Farbpalette in Beige, Kitt und Taupe. Leo Dell'Orco führt das Erbe würdig fort – wer jedoch einen klaren Bruch mit der Vergangenheit erwartet, wird enttäuscht. Doch diese Kleidung wird die Kassen klingeln lassen – und genau darum geht es im Modegeschäft schließlich.


