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Mark Mobius: Fünf Lektionen des Vaters der Schwellenländer

Der Pionier der Emerging-Markets-Investments ist am 15. April 2026 in Singapur gestorben – sein Erbe bleibt unvergessen.

Mark Mobius: Fünf Lektionen des Vaters der Schwellenländer

Mark Mobius stand einmal auf der Bühne eines Investorenkongresses, als ein Mann im Publikum aufstand und rief: „Mein Depot ist dreißig Prozent im Minus. Sie haben mir empfohlen, in Schwellenländer zu investieren." Kurzes Schweigen. Dann die Antwort von Mobius: „Kaufen Sie mehr." Tosender Applaus. Die Anwesenden wussten: Dieser Mann steht wie kein anderer hinter seiner eigenen Strategie.

Das war vor rund 15 Jahren. Joseph Bernhard Mark Mobius war damals 74 Jahre alt. Als Fondsmanager hat er Schwellenländer-Investments als eigenständige Anlageklasse überhaupt erst ins Bewusstsein der Anleger gebracht – ein Markt, der bis dahin weitgehend ignoriert wurde. Am 15. April 2026 ist er in Singapur gestorben. Er wurde 89 Jahre alt. Mit ihm verliert die Finanzwelt eine ihrer prägendsten Persönlichkeiten.

Mobius sah Schwellenländer nicht als Risiko, sondern als Versprechen. Weggefährten beschreiben ihn als gebildet, humorvoll und höflich. Seine Eltern stammten aus Deutschland und Puerto Rico und wanderten in die USA aus. Er selbst studierte in Boston und promovierte am MIT. Fondsmanager wurde Mobius erst mit 50 Jahren. „Es ist nie zu spät, etwas Neues anzufangen", sagte er – und lebte es vor. Rund 25 Jahre leitete er das Schwellenländer-Team bei Franklin Templeton, das später mehr als 50 Milliarden Dollar verwaltete.

Der „Vater der Schwellenländer"

Jenny Johnson, CEO von Franklin Templeton, bezeichnete ihn nach seinem Tod als den „Vater der Schwellenländer" – und das ist keine Übertreibung. Etwa 330 Tage im Jahr reiste Mobius durch die Welt, oft mit firmeneigenen Learjets. Während eines Militärputsches in Manila wurde er per Hubschrauber evakuiert. Erst vor rund zehn Jahren verließ er Franklin Templeton – nicht um in Rente zu gehen, sondern um sich mit einem eigenen Londoner Büro und ehemaligen Templeton-Kollegen wie Carlos von Hardenberg selbstständig zu machen.

Die Emerging Markets, die er als neue Anlageklasse bekannt gemacht hat, gehören heute so selbstverständlich zum Investmentrepertoire wie der europäische Aktienmarkt. Sein Leben und seine Karriere hinterlassen fünf Lektionen, die für jeden Privatanleger relevant sind.

Erste Lektion: Verstehe, wohin du investierst – und geh hin

Mobius war kein Mann der Excel-Tabellen im stillen Büro. Sein wichtigstes Werkzeug war nicht das Bloomberg-Terminal, sondern die eigene Beobachtung vor Ort. Er reiste in den Achtzigern dorthin, wo andere sich fürchteten: Nigeria, Liberia, Rumänien, Vietnam. „Ich fühle mich wohler, wenn ich Risiken selbst beeinflussen kann", sagte er – und meinte damit keine Tollkühnheit, sondern Urteilsfähigkeit.

Die Lehre daraus ist grundlegend: Wer blind Empfehlungen folgt oder Fonds kauft, ohne deren Strategie zu kennen, gibt die wichtigste Kontrolle aus der Hand – nämlich die über das eigene Urteilsvermögen. Mobius kaufte keine Aktien, die er nicht verstand. Und er verstand sie, weil er sich die Mühe machte. Das gilt auch für den Privatanleger, der seinen ETF oder Fonds kennen sollte wie ein Unternehmer sein Geschäft.

Mobius war dabei nicht unfehlbar: Er traute dem Wachstum von Alibaba und Tencent nicht und fiel deshalb mitunter hinter die Indizes zurück. Aber er traf diese Entscheidungen aus Überzeugung – nicht aus Unwissenheit. Bezeichnend: Er reiste ins brandgefährliche Liberia, bat aber auf deutschen Autobahnen den Fahrer, auf Tempo 120 zu drosseln.

Zweite Lektion: Bleibe neugierig

Mobius hatte eine ungewöhnliche Methode der Informationsgewinnung. Wenn er in einem neuen Land ankam, sprach er zunächst nicht mit dem CEO eines Unternehmens, sondern mit dem Taxifahrer. „Wie geht es Ihnen? Was kostet die Fahrt heute im Vergleich zum Vorjahr?" Aus diesen Gesprächen zog er Rückschlüsse auf Inflation, Lebenswirklichkeit und das tatsächliche wirtschaftliche Klima – Dinge, die ihm kein Investor-Relations-Manager je vermittelt hätte.

Das klingt romantisch, war aber eiskalte Methode. Danach kamen die Bilanzen. Er studierte Balance Sheets, wollte Bewertungen sehen, fundamentale Substanz – keine Wachstumsphantasien, keine Euphorie. Beides zusammen ergab ein Bild, das vollständiger war als alles, was eine Research-Abteilung hätte liefern können.

Dritte Lektion: Reformen sind ein Investitionssignal

Auf die Frage, was ihn in seiner langen Karriere am meisten zufriedenstelle, antwortete Mobius schlicht: „Die Reformen überall auf der Welt sind ein Glück." Das klingt nach politischer Rhetorik, ist aber eine präzise Investmentaussage. Mobius erkannte früh, dass Kapitalmärkte nur dort gedeihen, wo Institutionen gestärkt werden – Justiz, Transparenz, Eigentumsrechte. Er stritt gerichtlich gegen korrupte Strukturen in Staatsunternehmen – nicht aus Idealismus, sondern weil er wusste: Wo Korruption herrscht, bleibt Kapital gefangen.

In Rumänien wurde er nach 2010 zum Gesicht des Fondul Proprietatea, eines börsennotierten Fonds, der Opfer des Ceaușescu-Regimes entschädigte. Mobius und sein Team trieben Transparenz voran und zementierten internationale Standards. Der Börsengang von Hidroelectrica, dem größten IPO in der Geschichte Rumäniens, gilt heute als Referenzfall. Die Lehre: Gute Unternehmensführung ist kein weicher Faktor, sondern ein harter Renditetreiber. Enron und Wirecard waren für Mobius Lieblingsbeweise dafür, dass Skandale keine Frage der Geographie sind.

Vierte Lektion: Geduld ist keine passive Haltung

Der Templeton Emerging Markets Fund, den Mobius 1987 auflegte, war auf Jahrzehnte ausgerichtet. Seine Kunst bestand darin, früh in Märkte einzusteigen, die andere noch nicht auf dem Radar hatten – und dann zu warten. Er ging nach Vietnam, als kaum jemand hinsah. In die Türkei, als Europa sie längst abgeschrieben hatte.

Der häufigste Fehler von Privatanlegern ist, Geduld mit Passivität zu verwechseln. Mobius war alles andere als passiv – er reiste, analysierte, stritt, hinterfragte. Aber er verkaufte nicht bei jedem Sturm. Solange das Geschäftsmodell eines Unternehmens intakt ist, lässt sich ein Crash aussitzen. Diese Haltung setzt allerdings voraus, dass man wirklich verstanden hat, warum man etwas hält.

Dass das Wissen über Schwellenländer stark zugenommen hat, zeigte sich auf einer Konferenz in Frankfurt, einen Tag nach dem Todestag von Mobius. Als Arthur Budaghyan, Chef-Schwellenländer- und China-Stratege bei BCA Research, über Global Macro, Schwellenländer, China und Rohstoffe sprach, hörten Investmentchefs großer Fondshäuser und Vermögensverwalter zu. Schwellenländer sind heute keine Nische mehr, sondern wichtige Performancetreiber.

Der Ausblick von Stratege Budaghyan ist allerdings nicht rosig. Schwellenländer stehen aktuell durch den Iran-Krieg und die Zolldrohungen von US-Präsident Donald Trump unter Druck. Die Weltwirtschaft kühlt ab. Wenn die US-Wirtschaft langsamer wächst und China schwächelt, trifft das Schwellenländer doppelt, weil sie stark vom Export leben. Hinzu kommt: Wenn die USA weniger importieren, fehlt Schwellenländern ein wichtiger Absatzmarkt – eine Art „versteckte Rezession" für diese Länder.

Ein besonders großer Belastungsfaktor ist China. Die chinesische Wirtschaft wächst nicht mehr so stark wie früher und kämpft mit strukturellen Problemen. Für viele Schwellenländer ist China ein zentraler Handelspartner – sinkt dort die Nachfrage, spüren das andere Länder sofort. Laut Budaghyan sind die Aktienmärkte in manchen Fällen nicht durch echte wirtschaftliche Stärke gedeckt, was sie anfällig für Rückschläge macht. Chancen sieht der BCA-Stratege eher bei lokalen Anleihen aus Schwellenländern als bei Aktien – und plädiert für aktives, selektives Management.

Fünfte Lektion: Ein funktionierender Kapitalmarkt ist revolutionär

Einer der wichtigsten Gedanken von Mobius war nicht wirtschaftlicher, sondern gesellschaftlicher Natur: „Ein funktionierender Kapitalmarkt ist die echte Revolution, weil nicht mehr ein Diktator die Gelder verteilt, sondern Marktkräfte Ressourcen steuern." Dieser Satz, über Jahrzehnte immer wieder geäußert, ist sein eigentliches Vermächtnis.

Wer Kapital in ein Unternehmen in einem Frontier-Markt steckt, schafft Arbeitsplätze, erzwingt Transparenz und stärkt Institutionen. Der Privatanleger, der heute in Schwellenländerfonds oder Impact-Investments investiert, bewegt sich – ob er es weiß oder nicht – in einem Denksystem, das Mobius mitbegründet hat. Schwellenländer repräsentieren heute mehr als die Hälfte der globalen Wirtschaftsleistung. Märkte wie Indien, Korea oder Vietnam sind längst ernsthafte Bausteine eines jeden Portfolios. Das ist zu einem großen Teil sein Werk.

Auffällig war auch seine Energie: Mobius wählte Hotels danach aus, ob er rund um die Uhr das Fitnessstudio nutzen konnte. Auf Reisen hatte er oft ein Klapprad dabei – so ist er auch durch Frankfurt geradelt. Er trank viel Tee, wenig Alkohol und litt nach eigenem Bekunden nie unter Jetlag. Jeder, der ihn kannte, dachte, er werde hundert Jahre alt. Mark Mobius hat keine perfekte Bilanz hinterlassen – aber eine Haltung, die wichtiger ist als der letzte Prozentpunkt Rendite.

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