NHS-Datenplattform von Palantir: Kosten steigen auf 1,1 Milliarden Pfund
Großbritannien korrigiert Kostenprognosen für die Palantir-Datenplattform des NHS nach oben – während die erwarteten Vorteile sinken.

Die britische Regierung hat die prognostizierten Gesamtkosten für die von Palantir entwickelte Federated Data Platform (FDP) des NHS England auf 1,1 Milliarden Britische Pfund angehoben. Gleichzeitig sind die erwarteten finanziellen Vorteile auf 808 Millionen Pfund gesunken. Dies geht aus einem offiziellen Bericht der National Infrastructure and Service Transformation Authority hervor, einer britischen Regierungsbehörde.
Als Ursache für den Kostenanstieg nennt der Bericht eine „verstärkte Umsetzung in großem Maßstab" im vergangenen Geschäftsjahr. Der Rückgang der prognostizierten Vorteile spiegele hingegen „Verfeinerungen der Schätzungen" wider – bedingt durch aktualisierte Rollout-Pläne, verbesserte Daten, detailliertere Annahmen zur Umsetzung sowie ein „besseres Verständnis der Produktleistung, -nutzung und -akzeptanz".
Die Gesamtkosten der FDP umfassen sowohl die Implementierung der Software im gesamten NHS als auch den an Palantir vergebenen Auftrag im Wert von 330 Millionen Pfund. NHS England betont, die gestiegenen Kosten für das laufende und das vorangegangene Geschäftsjahr innerhalb des bestehenden Budgetrahmens „aufgefangen" zu haben. Das Projekt wird offiziell mit „Grün" bewertet – ein Signal, dass es auf Kurs für eine erfolgreiche Umsetzung ist. Palantir verwies darauf, dass die FDP damit zu den besten 20 Prozent der Regierungsprogramme zähle und eines von 29 Projekten mit einer grünen Bewertung von insgesamt 172 sei.
Politischer Druck und Transparenzforderungen
Die Revisionen kommen zu einem heiklen Zeitpunkt: Minister stehen unter zunehmendem Druck, eine für 2027 vorgesehene Ausstiegsklausel im Vertrag mit Palantir zu nutzen. Zwei Parlamentsausschüsse haben die Regierung bereits aufgefordert, den Vertrag zu kündigen. Sie verwiesen auf das „erhebliche Misstrauen" der Öffentlichkeit gegenüber der FDP und „umstrittene" Belege für deren Wirksamkeit.
Layla Moran, Abgeordnete der Liberaldemokraten und Vorsitzende des Gesundheitsausschusses, erklärte, die neuen Zahlen würden die „Dringlichkeit nur verstärken", die Verbindung zu Palantir vor der Frist zur Vertragsverlängerung Ende dieses Jahres zu kappen. Sie kritisierte zudem den „Mangel an Transparenz", der den Ausschuss daran gehindert habe, seiner Überprüfungspflicht nachzukommen.
Ben Coleman, Labour-Abgeordneter im Gesundheitsausschuss, forderte mehr Klarheit über die Zahlen: „Um dieses zunehmend umstrittene NHS-Projekt zur Rechenschaft zu ziehen, müssen wir wissen, wie viel des Kostenanstiegs und des Rückgangs der Vorteile real ist und wie viel lediglich aus der Umstellung auf ‚Realpreise' resultiert." Er mahnte, NHS England solle historische Schätzungen veröffentlichen, damit ein direkter Vergleich möglich werde. Andernfalls, so Coleman, „könnten die Menschen einfach vom Schlimmsten ausgehen".
Zweifel an der Wirksamkeit der Plattform
Die Glaubwürdigkeit der FDP steht auch inhaltlich unter Beschuss. Die Financial Times hatte eine Reihe von Fehlern in einem wichtigen zugrunde liegenden Datensatz identifiziert. Untersuchungen des Think-Tanks Health Foundation stellten zudem „keine merkliche Verbesserung" der Leistung in Krankenhäusern fest, die das Tool zur Patientenentlassung nutzen.
Lesen Sie alles zur aktuellen Aktie der Stunde
Erfahren Sie, worum es geht und warum sich ein genauer Blick jetzt lohnt.
Zur AktienanalyseDie britische Statistikbehörde leitete im Juni eine Untersuchung der Wirksamkeitsbehauptungen ein, nachdem NHS England auf der FDP-Webseite einen Vorbehalt hinzugefügt hatte, wonach wichtige Daten die Wirksamkeit nicht belegen. Interne E-Mails zeigen zudem, dass der Gesundheitsdienst plant, die Berechnungsmethode für zwei seiner wichtigsten Kennzahlen zu ändern – mehr als ein Jahr nach der ersten Veröffentlichung der entsprechenden Behauptungen.
NHS England verteidigte das Projekt dennoch: Der Kostenanstieg spiegele eine „starke Nachfrage" wider und sei ein „klares Zeichen für das Vertrauen in das Programm". Man erwarte weiterhin, dass die Plattform „erhebliche Vorteile für Patienten, Kliniker und das gesamte Gesundheits- und Pflegesystem" bringen werde. Palantir seinerseits erklärte, der Kostenanstieg liege unter der 5-Prozent-Schwelle für wesentliche Änderungen und man sei „entschlossen", die im Bericht dargelegten Erwartungen zu erfüllen.
Die FDP ist ein zentrales Digitalisierungsprojekt des britischen Gesundheitssystems. Sie soll unterschiedliche Datensätze im NHS verknüpfen und so die Effizienz steigern. Kritiker bemängeln jedoch nicht nur die Kostenentwicklung, sondern auch die engen Verbindungen des US-Unternehmens Palantir zur Trump-Administration – ein Aspekt, der die politische Debatte in Großbritannien zusätzlich anheizt.


