Ölaktien trotz Rekordgewinnen: Jetzt Gewinne mitnehmen?
Shell, Chevron und Exxon melden Rekordgewinne – doch Überangebot und nachlassende Geopolitik könnten Ölaktien bald belasten.

Die großen Ölkonzerne schwimmen derzeit im Geld. Der britische Energieriese Shell erzielte im zweiten Quartal einen Gewinn von 9,8 Milliarden Dollar – der zweithöchste Quartalsgewinn in der Unternehmensgeschichte. Der US-Wettbewerber Chevron steigerte seinen Gewinn gegenüber dem Vorquartal um mehr als das Fünffache, wobei zwei Drittel des Profits aus der Öl- und Gasförderung stammten.
Auch Exxon Mobil lieferte starke Zahlen: Der Konzern erzielte im zweiten Quartal das 3,5-Fache des Gewinns aus dem ersten Quartal. Allerdings hatten Analysten noch bessere Ergebnisse erwartet, weshalb die Aktie nach Bekanntgabe der Quartalszahlen kurzzeitig unter Druck geriet. Diese kleine Enttäuschung ändert jedoch nichts am großen Bild.
Die Ölbranche hat den breiten Markt in diesem Jahr klar outperformt. Während der MSCI World seit Jahresbeginn rund zehn Prozent zulegte, verbuchten integrierte Öl- und Gaskonzerne ein Plus von 33 Prozent. Anleger mit Ölaktien im Depot fuhren damit überdurchschnittliche Renditen ein.
Geopolitik als Treiber verliert an Kraft
Hintergrund der Rally ist die angespannte geopolitische Lage. Der Konflikt zwischen den USA und dem Iran sorgt für Versorgungsengpässe beim Öl und treibt den Preis nach oben. Saudi-Arabien soll zudem eine Offensive im Jemen planen, um die Blockade des Zugangs zum Roten Meer durch Huthi-Rebellen aufzulösen – diese verhindern, dass Öltanker Häfen der Saudis im Westen des Landes erreichen.
Gleichzeitig gehen den USA die Luftabwehrraketen aus, um ihre Stützpunkte im Nahen Osten zu schützen. Das erhöht den Druck, iranische Abschussbasen zu zerstören, was wiederum die Bedrohung der Meerenge von Hormus verringern würde. Eine militärische Eskalation liegt jedoch nicht im Interesse der US-Regierung: Die Zwischenwahlen im November rücken näher, und viele Wähler sind wegen der hohen Inflation – angetrieben vor allem durch Energiepreise – unzufrieden.
Kurzfristig wird die Geopolitik den Ölpreis weiter schwanken lassen. Doch als dauerhafter Rückenwind für Ölkonzerne dürfte die Krise im Nahen Osten ausgedient haben. Für eine fundierte Einschätzung der Ölaktien lohnt daher ein Blick auf die fundamentalen Marktdaten.
Überangebot belastet den Ausblick
Die Internationale Energieagentur (IEA) erwartet für das laufende Jahr ein Überangebot an Öl – ein klares Warnsignal für den Ölpreis. Die Mehrheit der Marktbeobachter rechnet im zweiten Halbjahr mit Preisen zwischen 55 und 65 Dollar pro Barrel, was deutlich unter dem aktuellen Niveau läge.
Auch von der Nachfrageseite droht wenig Unterstützung. China, der weltgrößte Ölimporteur, hat im vergangenen Jahr und zu Beginn dieses Jahres seine Reserven aufgestockt. Zwar wurden diese im Sommer leicht abgebaut, doch sie sind nach wie vor groß genug, um Engpässe abzufedern. Eine starke Nachfragebelebung aus China ist daher nicht zu erwarten.
Für Anleger mit Gewinnen auf Ölaktien bedeutet das: Jetzt Gewinne mitnehmen ist eine sinnvolle Strategie. Sich vollständig von Ölwerten zu trennen wäre jedoch übertrieben – die Aktien der Ölmultis bieten nach wie vor einen soliden Schutz gegen die anhaltend hohe Inflation.
Kostensenkung als entscheidender Faktor
Sollte der Ölpreis im zweiten Halbjahr tatsächlich fallen, eröffnet das Anlegern eine günstigere Einstiegsgelegenheit. Bis dahin sollten Investoren das Geschäftsmodell der einzelnen Konzerne genauer unter die Lupe nehmen. Ohne politischen Rückenwind müssen die Ölmultis konsequent Kosten senken und sich von weniger profitablen Sparten trennen.
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Zur AktienanalyseBP hat diesen Weg bereits eingeschlagen: Der britische Konzern plant den Abbau von 700 Stellen, die nicht direkt mit der Öl- und Gasproduktion zusammenhängen, und will zudem sein Nordseegeschäft verkaufen. Ziel ist ein schlankeres, wettbewerbsfähigeres Unternehmen. Je besser die Ölkonzerne ihre Kostenstruktur optimieren, desto widerstandsfähiger werden sie gegenüber Ölpreisschwankungen.
US-Konzerne mit geringerer geopolitischer Abhängigkeit
Auch die regionale Aufstellung der Konzerne spielt eine wichtige Rolle. Shell ist als weltgrößter Händler von Flüssigerdgas (LNG) stark von der Produktion in Katar abhängig. Ein dauerhafter Frieden in der Region könnte die Umsätze beflügeln – bleibt die Lage instabil, könnte das LNG-Geschäft die Aktie belasten.
Anleger, die weniger Exposure gegenüber dem politisch unsicheren Nahen Osten wünschen, sollten US-Konzerne in Betracht ziehen. Exxon Mobil und Chevron sind stark im heimischen Markt verankert. Chevron ist in der Golfregion derzeit lediglich in Ägypten aktiv – ein deutlich geringeres geopolitisches Risiko als bei europäischen Wettbewerbern.


