Petrodollar-Mythos: Warum der Dollar auf Bankern ruht
Die Dominanz des US-Dollars basiert nicht auf Öl-Abkommen oder Flugzeugträgern, sondern auf dem globalen Eurodollar-System.

Der Begriff „Petrodollar" ist in aller Munde – besonders wenn es darum geht, die globale Dominanz des US-Dollars zu erklären. Doch eine gründliche Analyse zeigt: Das Narrativ vom Petrodollar vertauscht Ursache und Wirkung. Die wahre Grundlage der Dollar-Hegemonie liegt nicht in diplomatischen Ölabkommen, sondern in einem weitverzweigten System privater Bankgeschäfte außerhalb der USA.
Die Geschichte des Petrodollars beginnt offiziell mit dem Jom-Kippur-Krieg im Oktober 1973 und dem darauffolgenden Ölembargo. Anfang 1973 lag der Ölpreis bei etwa 3,60 US-Dollar pro Barrel, stieg im Sommer auf rund 4,30 Dollar und schoss nach dem Embargo auf über 10 Dollar pro Barrel. Westliche und amerikanische Diplomaten schlossen daraufhin Anfang der 1970er Jahre Abkommen mit Kuwait und Saudi-Arabien: Die Saudis würden ihr Öl in Dollar bepreisen und ihre Dollar-Gewinne in US-Staatsanleihen investieren. Im Gegenzug garantierten die USA Sicherheit und Stabilität – der Dollar würde, wie es bildlich heißt, auf der US-Marine schwimmen.
Das Petrodollar-Abkommen unter Druck
Dieses Abkommen steht heute offenbar vor dem Ende. Der Iran verkauft nahezu sein gesamtes Öl nach China und erhält dafür nicht Dollar, sondern Yuan. Indien kauft iranisches Öl möglicherweise ebenfalls in Yuan. Im April 2025 zahlten Schiffe, die die Straße von Hormus passierten, Gebühren an den Iran – in Bitcoin. Die US-Marine garantiert nicht mehr uneingeschränkt den freien Ölfluss aus dem Persischen Golf. Zeitweise hat sie diesen Fluss sogar gestoppt.
Die Ölproduktion ist in Saudi-Arabien gesunken und in Kuwait, dem Irak sowie den Vereinigten Arabischen Emiraten eingebrochen. Wenn die Bedingungen des Petrodollar-Abkommens nicht mehr gelten, scheint es naheliegend, dass das Abkommen selbst am Ende ist. Doch genau hier liegt der entscheidende Denkfehler.
Eurodollar: Das eigentliche Fundament
Die Ölproduzenten bepreisten ihre Fässer und Gewinne in den 1970er Jahren deshalb in Dollar, weil eine Infrastruktur des globalen Dollar-Bankwesens – das sogenannte Eurodollar-System – bereits existierte. Und zwar nicht in New York, sondern in London. Bereits im Sommer 1973, lange vor dem Embargo, hatten Banker in der City of London ein ausgefeiltes, flexibles System aufgebaut, um Bankgeschäfte in Dollar außerhalb der USA abzuwickeln.
Das Eurodollar-System funktioniert so: Banken außerhalb der USA führen ihre eigenen Bücher mit auf Dollar lautenden Krediten und bauen so einen riesigen Pool an Einlagen-Dollar auf. Man benötigt keine Erlaubnis des US-Finanzministeriums oder der Federal Reserve, um einen Dollar zu erschaffen. Jede Bank an jedem Ort der Welt kann eine Verbindlichkeit in ihre eigene Bilanz aufnehmen und sie als Dollar bezeichnen.
Nach Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) gibt es etwa 14 Billionen US-Dollar an Offshore-Dollar – Eurodollar –, die als Verbindlichkeiten bei Banken außerhalb der USA gebucht sind. Im Inland halten die Fed und die Geschäftsbanken zusammen mehr als 19 Billionen Dollar. Das bedeutet: Rund 40 Prozent aller Dollar werden außerhalb der USA erschaffen. Keine andere Währung der Welt genießt auch nur annähernd ein solches Privileg.
Dollar-Dominanz in Zahlen
Die Dominanz des Dollars lässt sich auf verschiedene Weisen messen – und die sichtbarsten Indikatoren sind nicht unbedingt die aussagekräftigsten. Der Anteil des Dollars an den Währungsreserven der Zentralbanken ist im letzten Jahrzehnt von 65 Prozent auf 57 Prozent gesunken. Das klingt alarmierend, doch Untersuchungen der New York Fed legen nahe, dass dieser Rückgang hauptsächlich auf idiosynkratische Faktoren zurückzuführen ist – etwa die Abkehr Russlands vom Dollar.
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Zur AktienanalyseAussagekräftiger ist die Betrachtung der Handelsfakturierung. Noch im Jahr 2022 wurde laut Arbeiten der Harvard-Ökonomin Gita Gopinath fast ein Viertel des Welthandels in Dollar fakturiert. Eine Schätzung des Atlantic Council beziffert diesen Wert sogar auf über 50 Prozent – obwohl nur etwa ein Zehntel dieses Handels für die USA bestimmt war. Diese Dollar-Rechnungen beruhen nicht auf Diplomatie, sondern auf privaten Entscheidungen von Händlern weltweit.
Und im Gegensatz zum sinkenden Anteil der Dollar-Reserven bei den Zentralbanken schrumpft die Summe der Offshore-Dollar nicht. Sie wächst. Zum Vergleich: Es gibt etwas mehr als 3 Billionen US-Dollar an Offshore-Euro, dem engsten Konkurrenten des Dollars.
Das Fazit ist klar: Vieles hängt davon ab, ob die Straße von Hormus offen oder geschlossen ist – die Dominanz des Dollars gehört nicht dazu. Der globale Dollar ruht nicht auf Schiffen und Petrodollars. Er ruht auf Bankern und Eurodollars.


